Von Dr. Kalyani Chopra
Die Verdauung stellt im Āyurveda ein zentrales Thema dar, wobei
die āyurvedische Betrachtungsweise der Verdauung abweicht von der
allopathischen Verdauungsphysiologie. Es werden keine Enzyme oder
einzelnen Organe untersucht, sondern das Zusammenspiel der Doşas
(Bioenergien) mit Agni (dem Verdauungsfeuer) und der Entstehung
gesunder Gewebe (Dhātus).
Der Zustand der Verdauung wird immer am Anfang untersucht und
reguliert. Egal, welche Erkrankung oder Beschwerden vorliegen, muss
im Āyurveda zunächst die Funktion der Verdauung analysiert werden.
Häufig bessern sich viele Beschwerden automatisch, wenn die
Verdauung optimiert wird. Im Āyurveda sollte die Ursache einer
Erkrankung behandelt werden, nicht das Symptom. In vielen Fällen
stellen Verdauungsprobleme die Ursache für diverse Erkrankungen
dar.
Agni
Die Verdauung wiederum ist vom Agni, dem Verdauungsfeuer
abhängig. Das Verdauungsfeuer ist für die Aufspaltung der Nahrung
zuständig. Es sitzt in verschiedenen Abschnitten des
Verdauungstrakts, spaltet die Nahrung in die einzelnen Elemente auf
und führt diese der weiteren Verwertung zu. Das Verdauungsfeuer
setzt sich aus vielen einzelnen Feuern zusammen.
Die Bhūtāgnis (Elementefeuer) spalten die Nahrung in die
einzelnen Elemente auf und rufen dadurch auch wieder die Tanmatras
(5 feinstofflichen Wahrnehmungen) hervor. Die einzelnen Elemente
werden durch die Dhātvāgnis (Gewebefeuer) in die jeweiligen
Gewebematerialien verstoffwechselt.
Das wichtigste ist jedoch das Jātharāgni (Königsfeuer), welches
im oberen Dünndarm lokalisiert ist und aus der Nahrung einen
Nahrungsbrei herstellt, welcher weiter verarbeitet werden kann. Das
Jātharāgni ist die Grundlage des Lebens und kontrolliert die
anderen Agnis.
Wird dieses Jātharāgni gelöscht, bedeutet das den Tod; wird es
beeinträchtigt, führt es zu Krankheiten (Caraka Samhita, XV,
3-4).
Die verschiedenen Zustände des Agnis
Es gibt drei krankhafte Zustände des Agnis
- manda agni: zu schwaches Verdauungsfeuer
- vishama agni: wechselndes (schwankendes)
Verdauungsfeuer
- tikshna agni: scharfes (zu starkes) Verdauungsfeuer
Schwaches Verdauungsfeuer
Das schwache Agni herrscht meist bei Kapha vor und führt zu
Verstopfung. Die Nahrung bleibt kalt, wird nicht aufgespalten und
kann nicht verdaut werden. Kapha ist das Doşa (Bioenergie) der
Stabilität, aber auch der Trägheit. Damit ist auch das dazugehörige
Agni zu träge zum arbeiten. Agni kann aber auch durch zuviel
Nahrung oder zu häufige Nahrungsaufnahme geschwächt werden. Wenn
Magen und Darm ständig voll sind, die letzte Nahrung noch nicht
verdaut ist, wird Agni erstickt. Ein Lagerfeuer braucht auch Platz
und Luft, um zu brennen.
Wechselndes Verdauungsfeuer
Das wechselnde Agni herrscht bei Vāta vor und führt zu
unregelmäßiger (wechselnder) Verdauung. Vāta ist das Prinzip der
Beweglichkeit und kann auch als Wind übersetzt weden. Wind hat
keinen Halt, keine Beständigkeit. Der Mensch schwankt ständig
zwischen Verstopfung und Durchfall, genauso aber auch zwischen
Heißhungerattacken und Essen-vergessen hin und her. Durch etwas
Wind wird Feuer angefacht, durch zuviel Wind ausgeblasen.
Zu starkes Verdauungsfeuer
Das scharfe Agni herrscht bei Pitta vor und führt zu
Durchfällen. Die Nahrung wird geradezu verbrannt und dadurch
verflüssigt. Pitta selbst beinhaltet das Prinzip Feuer. Zuviel
Feuer verbrennt die Nahrung zu schnell. Es können keine Nährstoffe
mehr verwertet werden.
Bei Vāta herrschen Schmerzen und Blähungen vor, bei Pitta
Brennen und evtl. Fieber, bei Kapha Übelkeit, Erbrechen und Schwere
im Magen.
In sämtlichen Fällen können die Nährstoffe nicht optimal
verarbeitet werden und gehen verloren. Dadurch wird der
Gewebeaufbau beeinträchtigt. Die Gewebe entstehen nach
āyurvedischer Sichtweise nachfolgend auseinander. Das
Ausgangsmaterial bildet die Nahrung. Wenn also auf der ersten Stufe
der Nahrungsverwertung schon eine Fehlfunktion vorliegt, werden
sämtliche nachfolgenden Gewebe betroffen.
Āma
Die halbverdaute Nahrung führt außerdem zur Bildung von Āma, das
sich im ganzen Körper absetzen und zu weiteren Erkrankungen führen
kann. Āma ist etwas halbverdautes, unfertiges, hat seinen
Endzustand noch nicht erreicht. Āma ist z. B. Nahrung, welche auf
halber Strecke liegen geblieben ist und vor sich hin gärt.
Āma ist feucht, kalt, schwer, klebrig und läßt sich evtl. mit
dem Begriff „Schlackenstoffe“ übersetzen. Ist Āma im Körper
vorhanden, fühlt sich der ganze Mensch feucht, kalt, schwer,
klebrig. Das kann sich als verschleimende Erkältung äußern, aber
auch als rheumatische Gelenksbeschwerden. Die Ursache für die
Entstehung von Āma und damit verbundene Erkrankungen liegt immer in
einem gestörten Agni und damit bei der Verdauung!
Therapie
Bei jeglicher Verdauungsstörung muss das entsprechende Doşa
(Bioenergien: Vāta, Pitta, Kapha) behandelt werden und Agni
reguliert werden. Welches Doşa betroffen ist, erkennt man an der
Art der Verdauungsstörung in Kombination mit dazugehörigen
Allgemeinsymptomen. Den Zustand des Agni kann man am Puls
ertasten. Er zeigt sich aber auch durch den Appetit, den Stuhlgang
und das Vorhandensein von Āma (Halbverdautem).
Um Agni zu regulieren, kann man es zunächst wieder auf einen
Nullpunkt bringen. Dies erreicht man am einfachsten durch Fasten
(ca. 3 Tage), evtl. in Kombination mit Abführen. Dann kann Agni
wieder angefacht werden, z.B. durch scharfe Kräuter. Generell sind
kleine Mahlzeiten, gründliches Kauen, Ingwertee und Atemübungen
gut, um Agni anzufachen. Die Therapie sollte individuell auf
Konstitution und Erkrankung abgestimmt werden. Vor dem Abführen
sollte ein āyurvedischer Arzt konsultiert werden.
Um Āma zu entfernen, sollten Āma vermehrende Nahrungsmittel
vermieden werden, z. B. Brot, Milch, Milchprodukte (insbesondere
Joghurt), Salat, Süßigkeiten. Die Nahrung sollte leicht verdaulich,
warm, gekocht, regelmäßig und gut gewürzt sein.
Fasten
Ein Mensch mit viel Vāta in der Konstitution oder Erkrankung
sollte möglichst nicht fasten (wird sonst vom Winde verweht!), kann
aber scharfe Kräuter (Ingwer, Pfeffer usw.) bekommen, solange Āma
vorhanden ist. Sobald das Agni wieder reguliert ist, müssen diese
jedoch sofort abgesetzt werden, weil die scharfe Geschmacksrichtung
austrocknend wirkt und dadurch Vāta erhöhen kann.
Bei Pitta sollte nur sehr vorsichtig gefastet werden, weil der
Patient sehr leicht aggressiv werden kann. Hier wird am besten mit
Ingwerwasser gearbeitet, weil frischer Ingwer zwar scharf, aber
gleichzeitig auch süß ist und somit für Pitta zuträglich ist.
Ansonsten sind bittere Kräuter (alle grünen Kräuter) zu empfehlen,
da sie sowohl Pitta reduzieren als auch Agni anregen.
Kapha kann wunderbar fasten (möchte nicht so gerne, sollte aber)
und auch viele scharfe Kräuter bekommen. Wenn viel Kapha in der
Konstitution vorhanden ist, kann grundsätzlich ein Fastentag pro
Woche eingelegt werden, um Āma vorzubeugen. Da Kapha und Āma von
den Eigenschaften her ähnlich sind (feucht, kalt, schwer), neigt
ein Mensch mit viel Kapha auch zur Bildung von Āma.
Agni, Gott des Feuers
Agni war zu vedischen Zeiten nach Indra der zweitwichtigste Gott
im hinduistischen Götterreich. Es wird eine kleine Anekdote zu Agni
erzählt: Die beiden Helden Gott Kŗşņa und Arjuna wollen ein neues
Königreich gründen. Aber auf dem ihnen zugewiesenen Ort steht ein
großer Wald. Als sie diesen besichtigen, treffen sie auf Agni, den
Gott des Feuers. Ihm geht es gerade gar nicht gut. Er hat zuviel
Ghee (geklärte Butter) gegessen, welches ihm bei einem Feueropfer
geopfert wurde. Nun möchte er gegen die Verdauungsstörung gerne den
Wald aufessen (verbrennen), da dort so viele medizinische
Heilkräuter wachsen. Aber dieser Wald gehört eigentlich Gott Indra,
dem König der Götterwelt und Beherrscher des Wetters. Immer, wenn
Agni etwas am Wald züngelt, löscht Indra das Feuer sofort durch
Wind oder Regen. Arjuna und Kŗşņa beschließen, Agni zu helfen.
Arjuna ist bekanntermaßen der beste Bogenschütze im ganzen Reich.
Agni schenkt ihm den Zauberbogen Gāndiva von Gott Varuna, den kein
anderer Sterblicher hätte spannen können und zwei ewig gefüllte
Köcher mit Pfelen. Kŗşņa erhält eine Kutsche mit fliegenden Pferden
davor gespannt. Während Agni nun den Wald aufisst, leitet Kŗşņa
diese Kutsche blitzschnell ständig im Kreis um den Wald herum und
Arjuna schießt aus der Kutsche ein Meer an Pfeilen zeltförmig über
den Wald. Indra kann mit seinem Regen nicht durch dieses Pfeildach
hindurchdringen und muss machtlos zuschauen, wie Agni den gesamten
Wald verspeist.
Die Feuersbrunst dauert 15 Tage. Agni verspeist sämtliche
Heilkräuter und Lebewesen des Waldes. Lediglich ein Dämon namens
Maya (der Schein), kann sich durch Arjunas Hilfe retten. Dieser
Dämon ist auch als großer Baumeister bekannt.
Genau in diesem Gebiet entsteht die spätere Hauptstadt des neuen
Königreiches und wird Indra zu Ehren Indraprastha genannt. Maya,
der Baumeister, baut aus Dankbarkeit die schönste
Versammlungshalle, die die Welt je gesehen hat. Die Stadt gibt es
heute noch, sie heißt jetzt Delhi. Und zum Glück können wir auch
heute noch Verdauungsstörungen gut durch Heilkräuter behandeln.