Bereits 1685 beschrieb der englische Arzt Thomas Willis Patienten, die beim Zubettgehen einen unwiderstehlichen Drang zur Bewegung der Gliedmaßen verspürten – ein Leiden, das uns heute als Restless-Legs-Syndrom (RLS) bekannt ist.
Nach den Diagnosekriterien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie tritt der Bewegungsdrang typischerweise in Ruhe auf, besonders abends und nachts. Bewegung lindert die Beschwerden sofort, in Ruhe kehren sie rasch zurück. Zwischen 3 und 10 % der Bevölkerung sind betroffen.
Aus āyurvedischer Sicht handelt es sich beim RLS um eine ausgeprägte Vāta-Verstärkung, ein Krankheitsbild, das in der klassischen Sanskrit-Literatur vor rund 2.000 Jahren bereits beschrieben wird.
Dr. med. Ananda Samir Chopra

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Im Āyurveda regulieren drei Kräfte (Vāta, Pitta und Kapha) alle physiologischen Funktionen. Bei RLS steht ein übermäßig gesteigertes Vāta im Zentrum. Gleichzeitig ist die Verdauungskraft (Agni) geschwächt, was zur Bildung von Āma führt und die regelrechte Vāta-Funktion blockiert.
Vāta
Vāta steuert alle Bewegungsprozesse im Organismus, von der Atemhewegung über die Darmperistaltik bis hin zur Beweglichkeit von Gliedmaßen. Ein überaktives Vāta äußert sich in Ruhelosigkeit, Missempfindungen und dem unbezähmbaren Bewegungsdrang, der RLS kennzeichnet.
Agni
Eine geschwächte Verdauungskraft erzeugt „unverdaute Schlacken" (Āma), die die regelrechte Funktion des Vāta blockieren. Das abendliche Auftreten der Symptome und die Besserung durch Bewegung sind aus āyurvedischer Sicht typische Zeichen einer Agni-Schwäche.
Prakṛti
Jeder Mensch bringt von Geburt an eine individuelle Konstellation der drei Doṣa-s mit. Menschen mit Vāta-dominierter Grundkonstitution sind besonders anfällig für RLS. Die Grundkonstitution bestimmt zugleich, welche Therapiemaßnahmen und Pflanzenarzneien am besten geeignet sind.
Das Restless-Legs-Syndrom äußert sich in einem charakteristischen Beschwerdebild. Aus āyurvedischer Perspektive werden diese Symptome vor allem als Ausdruck einer gesteigerten Vāta-Aktivität und einer geschwächten Stoffwechselkraft gedeutet.
Die āyurvedische Behandlung des RLS zielt darauf ab, das Vāta-Doṣa zu regulieren, die Verdauungskraft (Agni) zu stärken und Āma abzubauen. Dabei steht die individuelle Therapieplanung stets im Mittelpunkt, denn die Anschauungen zur Therapie im Āyurveda sind außerordentlich umfassend und individuell.
Die Behandlung beginnt mit Empfehlungen zur Ernährung und Lebensführung. Der Patient sollte möglichst zur selben Zeit aufstehen und zu Bett gehen und die Mahlzeiten regelmäßig einnehmen. Zwischen Abendmahlzeit und Nachtruhe sollten mindestens zwei Stunden liegen. Die Abendmahlzeit sei warm und leicht verdaulich, etwa ein Gemüseeintopf. Ingwer, Anis und andere verdauungsfördernde Kräuter sind besonders empfehlenswert. Bevorzugt werden süße, saure und salzige Speisen; scharfe und adstringierende Nahrungsmittel sollten gemieden werden.
Regelmäßige morgendliche Ölmassagen (Abhyaṅga) gefolgt von einer warmen Dusche oder einem warmen Bad wirken grundsätzlich Vāta-dämpfend. Abhängig von der Grundkonstitution wird unterschiedliches Öl empfohlen: Sesamöl für Menschen mit Vāta- und Kapha-Dominanz, Sonnenblumenöl für Pitta-dominierte Konstitutionen mit Vāta-Störung. Als einfache abendliche Maßnahme empfiehlt sich das Einreiben der Beine mit Sesam- oder Rizinusöl vor dem Schlafengehen, gefolgt von einem warmen Abwaschen nach etwa 30 Minuten.
Bevor spezifische Arzneien eingesetzt werden, gilt es, die Verdauungskraft zu stärken und Āma (unverdaute Schlacken) abzubauen. Gewürze und Arzneien wie Ingwer, schwarzer Pfeffer und Knoblauch können je nach individueller Konstitution und Verträglichkeit eingesetzt werden.
Insbesondere bei länger andauernder Erkrankung bedarf es einer tiefgreifenden Ausleitungs- und Umstimmungstherapie. Die Pañcakarma-Therapie kombiniert ausleitende (z. B. Abführtag) und krankheitsbehandelnde Maßnahmen und wird typischerweise als mindestens 14-tägige, besser 3-wöchige Kur durchgeführt. Sie beginnt mit der äußerlichen und innerlichen Applikation von Öl und Fett zur Vorbereitung, gefolgt von Darmeinläufen mit medizinierten Ölen oder Abkochungen.
In unserer Ayurveda-Klinik entwickeln wir für jeden Restless-Legs-Patienten einen individuellen Therapieplan. Eine Ayurveda-Kur kann helfen, Vāta-Ungleichgewichte gezielt zu regulieren, das Nervensystem zu beruhigen und die Schlaf- sowie Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.





