Früher waren die Götter noch sterblich. Dies war gar nicht gut, denn dadurch unterschieden sie sich kaum von den Dämonen. Dieser Zustand sollte geändert werden
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Unsterbliche Götter (Buchausschnitt)

Wie die Götter unsterblich wurden

oder

Die Verquirlung des Milchozeans

Kalyani Chopra

Früher waren die Götter noch sterblich. Dies war gar nicht gut, denn dadurch unterschieden sie sich kaum von den Dämonen. Dieser Zustand sollte geändert werden: 

Nachdem Brahma, der Schöpfer, die Welt erschaffen hatte, wollte er einen Sohn als sein Abbild erschaffen. Allein durch diesen Gedanken erschien ein Kind in seinem Schoß. Da dieses Kind nicht aufhörte zu weinen, nannte er es Rudra. Doch das Kind hörte erst auf zu weinen, nachdem er ihm sieben weitere Namen gegeben hatte: Mahesha, Bhava, Sarva, Pashupati, Bhima, Ugra, Mahadeva. Heute ist dieses Kind als Lord Shankar oder Shiva bekannt. 

Ein Nachkomme Mahadevas ist der Heilige Durvasa, der für seine Launen bekannt ist. Dieser Durvasa sieht bei seinen Wanderungen eine Nymphe mit einer sehr fein duftenden Blumengirlande und möchte diese Girlande nun unbedingt haben. Die Nymphe gibt sie ihm gnädig und er wandert weiter umher, mit dieser Girlande um den Hals. Dabei trifft er auf Indra (den Götterkönig), der auf seinem Elefanten Airavat sitzt und von vielen anderen Göttern begleitet wird. Durvasa übergibt seine Girlande an Indra, der, aus einer Laune heraus seinen göttlichen Elefanten Airavat damit dekoriert. Airavat wird nun aber von dem Duft der Blumengirlande so betört, dass er sich schüttelt und sie mit seinem Rüssel zu Boden wirft. Hier wird sie aus Versehen zertrampelt.

Dies ist natürlich ein sehr respektloser Umgang mit einem Geschenk Durvasas. Durvasa ist außer sich vor Wut und verflucht Indra: Ich verfluche dich, Indra, dass Lakshmi, die Göttin des Reichtums, welche bisher im Himmel gewohnt hatte, diesen für immer verlassen soll. Und du, Indra, sollst ab sofort machtlos sein. 

Als Indra in sein Königreich heimkehrt, muss er feststellen, dass aller Wohlstand, Glück und Freude verschwunden sind. Sogar die Pflanzen vertrocknen. Die Götter versammeln sich, um eine Lösung für dieses Problem zu finden. Natürlich kann hier nur Vishnu helfen. Er ist durch die vielen Gebete gerührt und erklärt den Göttern, was zu tun sei. Lakshmi sei tief im Milchozean verschwunden. Um sie wieder ans Licht zu holen, müsse der Ozean aufgewirbelt werden.

Allein könnten die Götter dies jedoch nicht schaffen. Sie müssten sich kurzfristig mit ihren Feinden, den Dämonen verbünden. Da bei der Verquirlung des Milchozeans auch der Unsterblichkeitsnektar auftauchen werde, würden die Dämonen sich sicher bereit erklären, zu helfen. Zu dieser Zeit sind sowohl die Dämonen als auch die Götter sterblich. Die Gefahr bei der Beteiligung der Dämonen an der Verquirlung des Milchozeans ist natürlich, dass dann auch die Dämonen die Unsterblichkeit erlangen. Das wäre gar nicht im Sinne der Götter. Aber Vishnu verspricht, dafür zu sorgen, dass am Ende die Dämonen Nichts von dem Unsterblichkeitstrank bekommen. 

Vishnu erklärt den Göttern außerdem, wie sie das Aufwirbeln bewerkstelligen sollen. Sie sollen sich den Berg Mandara als Quirlstab holen und die riesige Weltenschlange Vasuki als Seil um den Berg schlingen, um ihn hin und her zu drehen.

Die Dämonen stimmen dem Vorhaben zu, logischerweise in der Hoffnung, etwas von dem Unsterblichkeitsnektar zu bekommen. Nun ist es auch für Götter und Dämonen kein leichtes Unterfangen, den Berg Mandara loszubrechen und zum Milchozean zu transportieren. Trotz größter Mühen brechen sie schließlich unter der großen Anstrengung zusammen. Also muss wieder Vishnu zu Hilfe kommen. Vishnu kommt auf seinem Reittier, dem großen Adler Garuda daher. Garuda hebt mit seiner unendlichen Kraft den Berg hoch. Tatsächlich kann Garuda den Berg mit nur einer Feder tragen und Vishnu hat immer noch bequem auf seinem Rücken Platz. So kann endlich der Berg im Milchozean platziert werden. 

Nachdem die Götter und Dämonen dem Milchozean Blumen geopfert haben, beginnen sie mit der Verquirlung.

Vasuki, die Weltenschlange erklärt sich gerne bereit, als „Quirlseil“ zu dienen. Allerdings gerät der Berg durch die ganzen Manipulationen immer wieder ins Kippeln und droht, zu versinken. Wieder muss Vishnu zu Hilfe eilen. In Form einer riesigen Schildkröte (Kurma) legt er sich auf den Meeresgrund. Auf seinem Panzer kann nun der Berg gut fixiert werden.

Illustration: Julia Berger

Die Götter ziehen am Schwanzende der Schlange Vasuki, die Dämonen am Kopfende. Nun kann man sich vorstellen, dass dies für die Schlange nicht das reinste Vergnügen ist. Es drückt immer wieder auf den Magen und bringt die ganze Verdauung durcheinander. Vasuki muss fürchterlich aufstoßen. Und wenn eine Schlange aufstößt, kommen giftige Gase und Flammen aus ihrem Maul. Zum Glück ziehen die Dämonen am Kopfende. Die giftigen Gase machen ihnen schwer zu schaffen und die Arbeit wird immer anstrengender. Die giftigen Gase formen Wolken, welche von Vayu (dem Gott des Windes) an das Schwanzende der Schlange getrieben werden, um dort als angenehm erfrischender Regen auf die Götter niederzugehen. 

Nach einer ewig lang erscheinenden Zeit kommen als Ergebnis der Aufwirbelung viele wunderbare Dinge an die Oberfläche des Ozeans. Als Erstes kommt die weiße Kuh Surabhi (Kamadhenu, Kapila) hervor, welche die Götter anbetet und ihrem Besitzer alle Wünsche erfüllt. Sie wird von einem Rishi unter seine Fittiche genommen und spielt in einer anderen Geschichte mit einer Inkarnation Vishnus als Parashurama noch eine große Rolle.

Außerdem kommt noch das giftigste Gift Halahala (Kalakuta) hervor, welches auf die Bitte der Götter und Dämonen hin von Shiva getrunken wird. Wäre das Gift bis zur Erde vorgedrungen, wäre die gesamte Menschheit vernichtet worden. Shiva als Einziger ist fähig, dies zu verkraften, erlaubt dem Gift jedoch nicht, seinen Rachen zu passieren. Da Shiva auch der Gott des Yoga ist, ist er in der Lage, einen Bandha (Verschluss) am unteren Halsende zu setzen, sodass das Gift nicht bis in den ganzen Körper vordringen kann. Dennoch wird durch dieses starke Gift Shivas Hals blau gefärbt, was ihm seinen weiteren Namen Nilakantha (blauer Hals) einbringt. Da er zur Rettung des Universums das stärkste Gift vernichtet hat, bekommt er als weiteren Namen Mahadeva (großer Gott).

Auch der Mond (Soma, Chandra) taucht aus dem Ozean auf. Shiva erlaubt dieser kühlenden Energie, auf seinem Haupt Platz zu nehmen, um ihm Erleichterung von der Hitze des Giftes Halahala zu geben.

Es kommen insgesamt vierzehn wertvolle Gaben aus dem Milchozean, unter anderem auch das weiße Pferd Uchchaisravas, welches Indra, der Götterkönig sich nimmt (und welches uns auch in einer weiteren Geschichte wieder begegnen wird);

Varuni, die Göttin des Weins (Sura), welche immer mit ihren verführerischen Augen rollt. Sie wird sofort von den Göttern aufgenommen, daher werden die Götter auch Suras genannt. Die Dämonen aber lehnen sie ab und heißen daher Asuras;

Parijata, der göttliche Baum, welcher in Indras Garten platziert wird;

Der Juwel Koustubha, welchen Vishnu sich als Schmuck nimmt;

Die Apsaras, die himmlischen Nymphen. Sie werden Apsaras genannt, weil sie aus Ap, dem Wasser aufgestiegen sind.

Lakshmi erscheint endlich auch aus dem Ozean. Alle Götter fallen vor ihr nieder und verehren sie. Sie heiratet Vishnu und bringt wieder Glück und Wohlstand in die Götterwelt zurück.

Die Heiligen stimmen Hymnen zu Ehre von Lakshmi an. Die Gandharvas (himmlischen Sänger) singen, die Apsaras tanzen. Auch der Fluss Ganga bringt seine Ehrerbietung dar.

Indras Königreich blüht wieder auf. 

Dieser Tag des großen Glücks und der Freude wird heute noch in Indien an Deepavali (Fest des Lichtes) gefeiert. Es werden überall Kerzen angesteckt, die Familien kommen zusammen und man schenkt sich gegenseitig Süßigkeiten. 

Nachdem Lakshmi aus dem Milchozean geboren wurde, kommt als letzter Dhanvantari, der Gott des Ayurveda, in leuchtend weißer Bekleidung hervor. Er hält den Topf mit dem Unsterblichkeitsnektar in der Hand.

Götter und Dämonen beginnen natürlich sofort, um den Topf zu streiten. Da die Dämonen eine stärkere negative Energie besitzen, gewinnen sie den Streit. Aber Vishnu hatte versprochen dafür zu sorgen, dass lediglich die Götter den Nektar erhielten. Also erscheint er in Form einer wunderschönen Frau (Mohini). Die dummen Dämonen starren dieser Frau hinterher, sind dadurch abgelenkt. Ihre Schönheit betört die Dämonen so sehr, dass sie beschließen, Mohini den Topf mit dem Nektar zu geben. Sie solle den Nektar aufteilen. Mohini formt nun zwei Reihen, eine mit Göttern, eine mit Dämonen und beginnt den Nektar zu verteilen. Natürlich fängt sie bei den Göttern an und teilt die Menge so ein, dass für die Dämonen nichts übrig bleibt.

Einer der Dämonen (Rahu) durchschaut ihr Spiel. Er mogelt sich in die Reihe der Götter. Gerade während Mohini ihm den Trank gibt, wird er von Soma (dem Mondgott) und Surya (dem Sonnengott) enttarnt. Sie schreien auf und in dem Moment, als einige Tropfen seine Kehle hinunter rinnen, wird Rahu von Vishnu enthauptet. Rahus Kopf fliegt weit in den Himmel hinauf. Dort steht er heute noch als einer der Planeten (Mondknoten). Eine tiefe Feindschaft verbindet ihn mit Soma und Surya. Daher sorgt er auch heute noch für wiederkehrende Mond- und Sonnenfinsternis, indem er sich zwischen sie und die Erde schiebt. Menschen, welche zu diesem Zeitpunkt eine Spende geben, werden gesegnet. Ansonsten handelt es sich um einen Unglück verheißenden Zeitpunkt und die Inder vermeiden es, sich dieses Schauspiel anzuschauen. Manche verlassen in dieser Zeit noch nicht einmal ihr Haus.

Dr. Kalyani Chopra
(Leitende Ärztin der Ayurveda-Klinik Kassel)

Neuerscheinung im Draupadi-Verlag: http://www.draupadi-verlag.de/
Wie Genesha seinen Kopf erhielt. Erzählungen.
ISBN 978-3-937603-38-4,  
122 S., 12,80 Euro, 19,80 SFr.
Erhältlich im Buchhandel oder direkt über den Verlag: info@draupadi-verlag.de

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