Kombination Psychotherapie mit AYURVEDA Erfahrungen mit der Ayurveda-Medizin.
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Psychotherapie, Teil 2

Psychotherapie

Kombination Psychotherapie mit AYURVEDA Erfahrungen mit der Ayurveda-Medizin, Teil 2  

Fallbeispiel II: Psychotherapie und Ayurveda

Patientin: Frau Thea R. aus A.

Thea R. aus A., 56 Jahre alt, Ergotherapeutin, geschieden und seit 1981 alleinlebend, Mutter zweier Kinder, befand sich 1996 zu einer 10-wöchigen stationären Behandlung bei uns. Während dieser Zeit machte sie über 14 Tage eine Panchakarma-Kur in der Ayurveda-Abteilung.

Diagnosen: Schwere depressive Reaktionen im Rahmen einer neurotischen Depression. Psycho-vegetatives Syndrom mit funktionellen Magen-Darm-Beschwerden.

Aktuelle Situation und Symptomatik

Im Aufnahmegespräch berichtete die Patientin, sie sei Ergotherapeutin in der Psychiatrie. Sie habe den Eindruck, seit einem Jahr die beruflichen und privaten Anforderungen nicht mehr bewältigen zu können. Im Juli habe sie dann noch ihre Stundenzahl auf 2 verschiedene Abteilungen verteilen müssen. Sie habe sich nicht mehr in der Lage gefühlt, ihren Arbeitsalltag zu strukturieren und sei mit sich selber nicht mehr klargekommen. Sie habe bis zuletzt „wie eine Maschine, die gerade noch läuft“ durchgehalten. Im Juli 1995 sei ihre 31-jährige Tochter an Aids verstorben. Sie habe ihre Tochter bis dahin intensiv begleitet, sei häufig im Krankenhaus gewesen, habe auch die Betreuung der Enkeltochter übernommen, nach dem Tod ihrer Tochter.

Vor vielen Jahren habe sie in einer sehr schwierigen Zeit mit der drogenabhängigen Tochter nächtliche Ängste gehabt. Zwischenzeitlich treten auch heute Ängste auf, vor allem in Menschenmengen. In einer ambulanten psychotherapeutischen Behandlung sei sie nicht.

Die Patientin berichtete weiterhin, dass sie, solange sie denken könne, Magendruck, auch Magenschmerzen besonders gleich nach dem Aufwachen habe. Auch Völlegefühl, Blähungsneigungen, besonders gleich nach dem Mittagessen trete auf, gelegentlich auch Heißhungerattacken auf Süßes und manchmal Appetitlosigkeit. Der Stuhlgang sei normal, in Stresssituationen Obstipationsneigung.

Seit 1993 sei eine exokrine Pankreasinsuffizienz, die mehrmals mit ERCP abgeklärt worden sei, bekannt. Eine Ursache sei bisher nicht gefunden. Insgesamt fühle sie sich müde und erschöpft, Antrieb, Konzentration und Gedächtnis hätten stark nachgelassen. Die Familienanamnese sowie Vorerkrankungen sind für ihre Symptomatik nicht einflussreich. Bei der körperlichen Untersuchung fand sich lediglich ein Druckschmerz unter dem linken Rippenbogen sowie im epigastrischen Winkel und diffuses Unwohlsein bei Tasten des gesamten Unterbauches. Der Habitus der Patientin ist schlank, bei zartem Knochenbau. Bei einer Größe von 165 cm beträgt ihr Gewicht 52 kg.

Laborbefunde

Pathologisch waren: Alpha-Amylase 180 u/l, Cholesterin 316 mg%, Leukozyten 3,8 /nl. Unauffällig waren: BSG, das übrige kleine Blutbild, Thrombozyten, Transaminasen, AP, Gamma-GT, Lipase, Elektrolyte, Eisen, Triglyceride, Nüchtern-Blutzucker, Blutfette, Harnsäure, Kreatinin sowie das Gesamt-Eiweiß.
Bei einer Nachkontrolle lag die Lipase mit 244 u/l und die Alpha-Analyse im Serum bei 130 u/l über dem Normbereich. CA lag mit 5,4 im Graubereich. CA 19.9 war unauffällig. Prakreaselastase I war mit 219 mmg/g und die Chymotrypsin im Stuhl mit 11 u/g erhöht.
Abdomensonographie: betonter Pankreaskopf, leicht immogene Struktur. Ansonsten unauffällige Abdomensonographie.

Psychotherapie- Genese und Psychodynamik

Die Mutter habe während ihrer Schwangerschaft mit ihr unter Depressionen gelitten und sei 8 Tage nach ihrer Geburt wahrscheinlich an einer Lungenentzündung verstorben. Sie sei eine Kaiserschnitt-Geburt gewesen und bei dem Eingriff am Kopf verletzt worden. In ihren ersten 2 Lebensjahren sei sie bei einer Schwester der Mutter untergebracht gewesen, die keine Kinder habe kriegen können. Diese hätte sie gerne behalten, sie sei dort jedoch „weggerissen“ worden, habe dann einige Wochen bei den Großeltern väterlicherseits gelebt und sei dann nach der erneuten Eheschließung des Vaters bei der Stiefmutter aufgewachsen, mit der sie sich nie verstanden habe. Ihr Vater sei aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt als sie 8 Jahre alt gewesen sei. Sie sei sehr enttäuscht von ihm gewesen, da er den Konflikten mit seiner 2. Frau aus dem Weg gegangen sei und nie mit der Faust auf den Tisch gehauen habe. Irgendwie sei die Beziehung zu ihm zwiespältig gewesen. Also habe sie ihm nie widersprochen. Die Stiefmutter lebe gegenwärtig in einem Heim, sie besuche sie regelmäßig aus Pflichtgefühl.

In der beschriebenen familiären Konstellation entwickelte die Patientin eine schizoid-depressiv akzentuierte Persönlichkeitsstruktur. Prägend waren der frühe Verlust der Mutter, der 2 Jahre später erfolgte Verlust der Tante in Ersatz-Mutter-Position sowie die negativen Bindungserfahrungen mit der Stiefmutter. Offenbar legte sich die Patientin schon früh eine Art Überlebenshaltung in Form ihrer leisen und zurückhaltenden, den Erwartungen angepassten Haltung an. Aggressive Impulse mussten aus Angst vor weiteren Verlusten abgewehrt werden. Auch die Beziehung zum Vater scheint durch gegenseitige Enttäuschung wenig nährend und kompensierend gewesen zu sein. In den eigenen Partnerschaften haben sich kindheitliche Konflikte rekonstelliert. Auch die schwierige Beziehung zur Tochter sehen wir als Ausdruck der Mutter-Thematik. Der Tod der Tochter hat bei Frau R. zur Reaktualisierung frühkindlicher Verlusterfahrungen geführt, und die Patientin reagiert mit depressivem Rückzug.

Psychotherapie- Behandlungsverlauf aus psychotherapeutischer Sicht

Zum Erstkontakt erschien eine kleine, zarte und zerbrechlich-spröde wirkende Frau, die einen erschöpften und traurig-niedergeschlagenen Eindruck machte. Sie schilderte ihre persönliche Situation mit leiser, dünner Stimme. Frau R. gelang es leicht, ein therapeutisches Bündnis aufzubauen.

Sie begann ihre psychotherapeutische Behandlung in der Gruppe, brachte dort den aktuellen Leidensdruck sowie die momentanen Lebenskonflikte ein. Sie wirkte dabei jedoch wenig entlastet, eher verloren, grau und in sich gekehrt, dabei kontaktarm in der Gruppe der Mitpatienten. Im Zweitgespräch berichtete sie von sie bewegenden Träumen. Zum einen habe sie von einem düsteren Haus geträumt, in dem eine Leiche zerhackt und zersägt wird. Sie bezog diesen Traum auf sich mit der Aussage „da ist was endgültig nicht mehr zusammenzuflicken“. In einem zweiten Traum sah sie sich, wie sie ein Kind in einer Berghöhle versteckt und auf ihrer Bergbesteigung mit einer Spitzhacke etwas sucht. Auf dem Rückweg ist das Kind tot. Im Traum habe sie sich schuldig gefühlt, da sie das Kind dort vergessen habe. Den Traum verstand sie als Auftrag, das Kind beschützen und behüten zu müssen. Sie habe sich vergessen, aber das Innere sei nicht tot.

Dieses Bild löste starke Gefühle aus, über die sie sich sehr freute, nachdem sie lange Zeit wie „versteinert“ gewesen sei und keine Gefühle mehr gehabt habe. Ihre Sehnsucht nach einer wohlwollenden-nährenden, pflegenden und haltgebenden Mutter war deutlich spürbar.

In dieser Sitzung entstand die Idee einer Ayurveda-Behandlung, worauf die Patientin mit Interesse reagierte, und sie leitete in den nächsten Tagen die notwendigen Schritte dazu ein.

In der dritten Sitzung berichtete die Patientin über den in ihrer Kindheit erlebten Kontrast zwischen ihrer inneren bunten und phantasievollen Welt einerseits und der leidend-niedergedrückten Atmosphäre der äußeren Welt andererseits. In ihr sei ein „Aquarium ungeweinter Tränen“ und sie sehne sich ein Leben lang nach einem Halt. In der Klinik finde sie viel Halt in der Spiritualität, z. B. bei spirituellem Tanz.

Nach dieser Sitzung begann die ayurvedische Behandlung. Die Patientin behielt ihr Zimmer in der psychotherapeutischen Abteilung und ging zu den ayurvedischen Behandlungen in die Ayurveda-Abteilung, da sie den vertrauten Rahmen nicht missen wollte. Die Teilnahme an der Gruppentherapie wurde für die Zeit der ayurvedischen Behandlung unterbrochen, wegen erwarteter inhaltlicher Interferenzen. Die Teilnahme am Ausdrucksmalen setzte sie fort und wurde in regelmäßigen Einzelsitzungen begleitet.

Aus ayurvedischer Sicht hat die Patientin eine Vata-Pitta-Konstitution. Die intestinale Symptomatik mit Völlegefühl, Blähungsneigung und Obstipationsneigung in Stresssituationen wird als Zeichen einer Vata-Aggravation im Stadium der Ausbreitung (Prasara) gewertet. Ein kurzzeitiges Panchakarma-Therapieverfahren mit dem Ziel der Vata-Beruhigung wird durchgeführt, zeitlich gerafft sieht es folgendermaßen aus:

Tag: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13
Snehana:
            A. Snehapàna
(Innerliche Fettbehandlung)
                 
            B. Bàhya Snehana
(Äußerliche Fettbehandlung)
           
Speziell:  Sirodhàrà
              (Stirnölguss)
                     
Svedana: (Schwitzen)                      
Virecana: (Abführen)                        
Bastikarma: (Enemata)                  

Gleich zu Beginn ihrer ayurvedischen Behandlung berichtete sie, sich als Wanderin zwischen zwei Welten zu fühlen und zugleich die Erfahrung von Verlorenheit und Abschied als auch von Aufgehobenheit und Geborgenheit zu machen. Nach einigen Tagen erschien die Patientin mit strahlenden Augen, die an einen glücklichen Säugling erinnerten. Sie berichtete, dass sie gesalbt, gestreichelt und geölt, sogar frottiert werde. Sie hole hier etwas nach, was sie nie gehabt habe. Sie habe Kontakt zu ihrem inneren Kern und sehe plötzlich wieder innere Bilder, so wie früher als Kind. Sie wirkte sehr glücklich.

In den weiteren Einzelsitzungen hielt dieser Eindruck im wesentlichen an. Gegen Ende der Ayurveda-Behandlung wurde der dortige Abschied und die Rückkehr in die Gruppe besprochen. Die Patientin zeigte sich erfreut über den von Gruppenteilnehmern geäußerten Wunsch, dass sie zurückkehre. Unter Tränen berichtete sie, sich zugleich von der Mutter getrennt und dennoch als Wunschkind zu fühlen. Sie zeigte sich sehr erleichtert.

Im weiteren Verlauf ging es um die Aufarbeitung eines Konfliktes mit dem Vorgesetzten und um den Umgang mit aggressiven Impulsen. Dann wagte sie, auch einen Konflikt in der therapeutischen Beziehung auszutragen und erkannte ihre Schwierigkeit, Grenzen zu setzen und z. B. Konflikte mit den Kindern eher vermieden zu haben, um nicht wie die Stiefmutter zu sein. In der Gruppe zeigte sie sich offener, präsenter und sogar frecher. Der Abschied von der Tochter wurde nochmals zum Fokus und es gelang ihr, Schuldgefühle abzubauen und eine versöhnlichere Sicht der Beziehung zu entwickeln.

Im Abschlussgespräch berichtete sie, dass eine Kruste, die sie um sich gehabt habe, aufgegangen sei. Sie habe wieder Gefühle, und Gefühle anderer erreichen sie wieder. Sie entwickelte ein Maß für Kontakt und Rückzug. In sich erlebe sie einen Strom von Bildern, Gefühlen und Gedanken. Zwar habe sie Angst davor, dass noch weiteres zum Vorschein kommen könne, andererseits wünsche sie es sich auch. Der seelische Leidensdruck habe sich deutlich reduziert, die Schlafstörungen seien abgeklungen, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen bestünden  noch weiter. Zwischenzeitlich seien die Magenbeschwerden abgeklungen, gegen Ende jedoch wieder aufgetreten, was sie mit ihrer Ernährung in Zusammenhang brachte.

Psychotherapie - Zusammenfassung aus psychotherapeutischer Sicht

Durch die Ayurveda-Behandlung hat eine emotionale Nachnährung durch wohlwollenden emotionalen und körperlichen Kontakt stattgefunden. Regressive Bedürfnisse wurden erfüllt und eine innere Versteinerung löste sich. Hierdurch entwickelte sich eine lebendigere und liebevollere Selbst-Beziehung und eine tiefe Erfahrung von „Gut-Sein“. Hier bewähren sich insbesondere die ayurvedischen Öl- und Fettanwendungen, die im Sanskrit als Snehana (Fetten) bezeichnet werden. Eine Nebenbedeutung von Snehana ist jedoch auch Zuneigung und Liebe. Auch aus ayurvedischer Sicht geschieht in den Ölbehandlungen also mehr als eine rein mechanische Einreibung: vielmehr wird der Mensch auf unterschiedlichen Seins-Ebenen eben auch auf der emotionalen Ebene erreicht.

Die duale Struktur des Settings, nämlich Psychotherapiestation und Ayurveda-Abteilung, führten dazu, dass die frühkindlichen Erfahrungen von Mutterverlust und Bezugspersonwechsel angeregt wurden, und es gelang ihr, wichtige korrigierende Erfahrungen in Bezug auf Abschied und Zugehörigkeit zu sammeln. Es kam zu einer Integration dieser äußeren Erfahrung, und die Patientin reifte in ihrer Kontakt-, Abgrenzungs- und Konfliktfähigkeit, was sich sowohl in den stationären Beziehungen als auch in ihrer veränderten inneren Haltung in Bezug auf die verstorbene Tochter und auf die verlorene Mutter zeigte.

Dr. Kurtz von Aschoff

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(Dr. Kalyani Chopra, Leitende Ärztin der Ayurveda-Klinik Kassel)

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