Ayurveda ist ein Medizinsystem und sollte daher zur Gesunderhaltung oder zur Therapie von Erkrankungen individuell passend eingesetzt werden. Alle Empfehlungen zu einzelnen Krankheitsbildern müssen dem Menschen, seiner Konstitution und Situation entsprechend, angepasst werden
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Ayurvedische Heilpflanzen in der Psychotherapie

Zunächst muss geklärt werden, wie im Ayurveda Psyche definiert wird, um dann näher auf die Psychotherapie und die dazu gehörigen Heilpflanzen einzugehen. Dazu erst die westliche Definition der Psychotherapie :

Psychotherapie ist Behandlung kranker Menschen mit seelischen Mitteln, eine Therapie nach bestimmten methodischen Regeln. Psychotherapie im weiteren Sinne, d. h. eine psychotherapeutische Einstellung zum Kranken als Person, ist ein Bestandteil der ärztlichen Behandlung überhaupt und betrifft die ganze Medizin….

Definition von Strotzka: Psychotherapie ist ein bewusster und geplanter interaktioneller Prozess zur Beeinflussung von Verhaltenstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsensus (möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für behandlungsbedürftig gehalten werden, mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation) meist verbal aber auch averbal, in Richtung auf ein definiertes, nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel (Symptomminimalisierung und/oder Strukturänderung der Persönlichkeit) mittels lehrbarer Techniken auf der Basis einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens.

Tölle, „Psychiatrie“

Nun drängt sich die Frage auf, wie Ayurveda Psyche, Psychotherapie oder psychische Erkrankungen definiert. Da im Ayurveda Sanskrit und nicht griechisch verwendet wird, ist schon die Übersetzung nur begrenzt möglich. Der Begriff Atma kann als Seele, Manas als Geist übersetzt werden. Schon diese Unterscheidung ist in der deutschen Sprache schwierig.

Dazu ein Zitat aus der Caraka Samhita (ayurvedischer Grundlagentext): Körper und Geist enthalten die Voraussetzungen von Krankheit und Glück (bzw. Gesundheit). Die Seele ist im Wesentlichen befreit von pathogenen Faktoren. Sie ist die Quelle des Bewusstseins…Sie ist ewig. Sie ist der Beobachter, beobachtet alle Aktivitäten. Krankmachende Faktoren für den Körper sind Vata, Pitta und Kapha, die für den Geist sind Rajas und Tamas. Die krankmachenden Faktoren des Körpers werden durch Therapien, welche auf religiösen Riten und körperlicher Korrektheit beruhen beigelegt; die krankmachenden Faktoren des Geistes durch spirituelles und religiöses Wissen, Geduld, Rückerinnerung und Meditation.

CS, SS, I, 55-58

Vata: Bewegungsprinzip

Pitta: thermisches Prinzip

Kapha: verbindendes Prinzip

Rajas: Aktivität

Tamas: Trägheit

Nach der Samkhya Philosophie wird die Seele nie krank. Lediglich Körper und Geist können krank werden. Aber wir haben immer noch keine genaue Definition von Psyche im Ayurveda. Wenn wir den Begriff „psychische Erkrankungen“ mit „nervlichen Erkrankungen“ gleichsetzen, kommen wir zum Nervengewebe (Majja Dhatu) und dem Gehirn. Gehirn und Herz sind in der ayurvedischen Theorie durch Kanäle (Sajya Vaha Srotas) miteinander verbunden. Hier nähern wir uns vielleicht dem Begriff der „Psyche“. Es besteht eine Verknüpfung von Emotionen und Handlungen. Sind diese Verknüpfungen gestört, entstehen „psychische Störungen“. Hier liegt auch eine Verbindung von Körper und Geist, damit bleiben wir bei den Ursachen Vata, Pitta, Kapha, Rajas und Tamas für „psychische Störungen“. D. h. die Ursachen sind psychosomatisch.

Psychische Erkrankungen werden als Manasa Vikara bezeichnet. Sie entstehen durch Fehlfunktionen der allgemeinen geistigen Funktionen sowie einer schwachen psychischen Kraft, Verschmutzung der Doshas (Vata, Pitta, Kapha), Gunas (Rajas und Tamas) und der Manovaha Srotas („Geist führenden Kanäle). Ob zuerst die geistigen oder zuerst die körperlichen Funktionen gestört sind, ist gleichgültig.

Die „Psyche“ kann im Ayurveda nicht unabhängig betrachtet werden. Dies zeigt schon die Definition des Begriffes „Ayus“, der so gerne nur als „ Leben“ übersetzt wird. In der Caraka Samhita (Sū. 1,42) heißt es: Leben ist die Kombination aus Körper, Sinnen, Geist und Selbst.

Über den Körper wird der Geist beeinflusst und umgekehrt. Krankheiten können sich auf beiden Ebenen äußern. Betrachten wir jetzt die geistige Ebene:

Funktionen des Geistes (gedankliche Ebene)

  • Sinne kontrollieren
  • Verarbeitung der Sinne, Wahrnehmung
  • Körperaktivität kontrollieren
  • Selbstkontrolle
  • Denken
  • Analysieren
  • Entscheiden

Instrumente zur Kontrolle der Indriyas (Sinne, Jnanendriya) und motorischen Funktionen (Karmendriya) sind Dhi (Intellektuelle Fähigkeit), Dhrti (kontrollierende Instanz) und Smrti (Gedächtnis)

Ein Objekt (Artha) wird von dem Sinn (Jnanendriya) wahrgenommen, der Sinn verbindet sich mit dem Geist. Geist und Seele sind immer verbunden, dadurch wird die Wahrnehmung des Objekts bewusst. Geist und Seele senden einen Impuls an Karmendriya (motorische Fähigkeit), diese verbindet sich mit dem Objekt und bewirkt eine motorische Handlung.

Nun gibt es noch 5 funktionelle Teilbereiche des Geistes, welche schon von dem vorherigen Leben her existieren:

1)     Bhava – Gefühle

2)     Una – analytisches Denken

3)     Smrti – Gedächtnis

4)     Dhrti – kontrollierende Instanz, inhibierende Funktion

5)     Buddhi – trifft Entscheidung

Alle Funktionen des Geistes arbeiten entsprechend Sattva, Rajas und Tamas. Sattva steht der Seele am nächsten (Wissen, Freude, Reinheit). Rajas steht hinter allen Aktivitäten, ist verantwortlich für Anhaftung, Begierden, Gelüste. Tamas steht für Trägheit, Inaktivität, Ignoranz.

Die Gefühle sitzen im Geist, werden vom Geist gesteuert und sind für geistige Fehlfunktionen zuständig (Sushruta).

Gefühle:

-          Harsha: Euphorie (wörtlich: wenn die Körperhärchen sich aufstellen)

  • Kama: sinnliche Begierde, Wünsche
  • Shoka: Kummer. Wenn wir etwas verlieren, wovon wir denken, dass es uns gehört (falsches Besitzgefühl)
  • Lobha: Gier. Anderen etwas wegnehmen wollen, auch wenn man es nicht braucht. Immer mehr haben wollen.
  • Dainya: Hilflosigkeit. Man kann nicht tun, was man gerne tun würde.
  • Krodha: Aggression, Zorn, Andere schädigen.
  • Irsya: Intoleranz, Missgunst, Neid, Eifersucht
  • Matsaeya: Intoleranz gegenüber den Eigenschaften Anderer
  • Asuya: Verleumdung, Andere schlecht machen
  • Bhaya: Angst, Phobie

1)     Wenn etwas von uns zerstört werden kann

2)     Wenn wir nicht in der Lage sind, etwas zu schützen

-          Vishada: Depression. Wenn man das Gefühl hat, nichts tun zu möchten, aus Angst zu versagen (manifest oder unmanifest).

Caraka sieht als Hauptursachen der „psychischen Störungen“ das Erlangen unerwünschter Objekte, bzw. den Verlust erwünschter Objekte

Die Gefühle sind voneinander abhängig und hängen alle mit Anhaftung zusammen. Es sind natürliche Gefühle aller Menschen, solange sie innerhalb bestimmter Grenzen bleiben. Sie können durch die Gunas (Sattva, Rajas, Tamas) unterschiedlich gefärbt sein. Bei Tamas entstehen die Gefühlsimpulse, aber sie bewegen uns nicht. Bei Rajas bewegen sie uns sofort. Bei Sattva können wir sie benutzen, um Erkenntnis zu erlangen. Alle äußeren Faktoren sind unbedeutend bei hohem Sattva. Bei niedrigem Sattva und hohem Rajas und Tamas können kleinste Stressfaktoren große Auswirkungen haben.

Je stärker diese Gefühle ausgeprägt sind, umso leichter entstehen Krankheiten.

Die 5 Haupterkrankungen des Geistes sind Kama (Wünsche), Krodha (Zorn), Lobha (Gier), Moha (Anhaftung) und Matsar (Eifersucht). Diese starken Emotionen schwächen die Kraft des Geistes.

MEDHYA – Pflanzen bei geistigen Erkrankungen

Die Pflanzen wirken zwar auf körperlicher Ebene, schaffen aber eine Atmosphäre für Sattva, Rajas und Tamas.

Das Leben ist die Manifestation der Verbindung von Körper, Geist und Seele. Diese Verbindung, Einheit zu erhalten, ist der erste Grundsatz von Ayurveda. Geist und Seele sind immer verbunden und unvergänglich. Der Körper ist am anfälligsten, daher muß dieser hauptsächlich behandelt werden.

Sei wie eine Lotusblume: im Wasser geboren, vom Wasser lebend, das Wasser schmückend, im Wasser sterbend, aber immer auf der Wasseroberfläche beibend. Wir sollten uns nicht von weltlichen Dingen einfangen lassen, keine Anhaftung.

Die ayurvedischen Sutra ähneln Samenkörnern. Fallen Sie auf fruchtbare Erde, kann ein Baum, sogar ein Wald entstehen.

Grundsätzlich sollten Pflanzen, welche in der „ayurvedischen Psychotherapie“ eingesetzt werden, dafür sorgen, die Verarbeitung der Wahrnehmungen emotional neutral zu gewährleisten. Die Verbesserung der Wahrnehmung ist schon mehr auf der körperlichen Ebene anzusiedeln bei der Verbesserung der Sinnesorgane. Um psychisch gesund zu bleiben, sollten Emotionen in extremer Ausprägung vermieden werden, welche die Wahrnehmungen verfälschen. Vereinfacht kann gesagt werden, dass „ayurvedische Psychotherapeutika“ emotional ausgleichend wirken sollten und das neutrale Denkvermögen verbessern sollten.

Um jetzt wieder auf die Ebene der Doshas zu kommen, muss erwähnt werden, dass insbesondere Vata Dosha für extreme Emotionen und auch Emotionsschwankungen zuständig ist. Daher sollten die entsprechenden Pflanzen insbesondere Vata reduzierend wirken.

Auch „Verschmutzungen“ blockieren die Verarbeitungen der Wahrnehmungen. „Verschmutzungen“ im ayurvedischen Kontext werden als Ama bezeichnet. Ama ist etwas Halbverdautes, Halbverarbeitetes, es entsteht sowohl auf körperlicher, als auch auf geistiger Ebene und führt zur Behinderung der natürlichen Prozesse und damit zu Krankheiten. Daher sollten die Pflanzen auch reinigend arbeiten.

Die Verarbeitung der Wahrnehmung hängt natürlich auch mit analytischen Fähigkeiten, der „Denkkraft“ zusammen. Im Ayurveda gibt es sogenannte Hirntonika (Medhya Rasayanas), welche den Alterungsprozess insbesondere des Gehirns (Demenz) aufhalten.

Zusammenfassende Forderungen an „ayurvedische Psychotherapeutika“:

  • Emotional ausgleichend
  • Vata reduzierend
  • Reinigend, Ama redizierend
  • Medhya Rasayana, Hirntonika

Pflanzen, welche diese Forderungen erfüllen:

1)     Brahmi – Bacopa monniera

2)     Mandukarpani – Centella (Hydrocotyl) asiatica

3)     Shankapushpi – Convolvulus pluricaulis

4)     Ashvagandha – Withania somnifera

5)     Tagara – Valeriana wallichii

 

Diese Pflanzen werde ich nach und nach als „Pflanze des Monats“ auf unserer Homepage vorstellen.

 

Dr. Kalyani Chopra,

leitende Ärztin der Ayurveda Abteilung der Habichtswald-Klinik, Kassel

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