Der Begriff Āyurveda ist ein Wort aus dem Sanskrit, der altindischen Hochsprache, und heißt einfach übersetzt „Wissenschaft vom Leben“ oder „Wissen von der Lebensspanne“.
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Ayurveda

Was heißt Āyurveda?

Der Begriff Āyurveda ist ein Wort aus dem Sanskrit, der altindischen Hochsprache, und heißt einfach übersetzt „Wissenschaft vom Leben“ oder „Wissen von der Lebensspanne“. Diese Bezeichnung macht deutlich, dass im Āyurveda nicht nur Krankheiten behandelt werden; als echte „Wissenschaft vom Leben“ hat der Āyurveda vielmehr ein doppeltes Ziel: er will die Gesundheit des Gesunden erhalten und die Krankheit der Erkrankten behandeln (so lautet eine berühmte Sentenz aus einer der ältesten Quellen des Āyurveda, der Caraka-Samhitā, Sū. 30.26). Um weitere Bedeutungsinhalte des Begriffs „Āyurveda“ zu verstehen, lohnt es sich, dieses Wort einmal näher zu betrachten.

Das Wort Āyurveda setzt sich zusammen aus den beiden Begriffen Āyus und Veda. Āyus bedeutet „Leben“ oder „Lebensspanne“ im weitesten Sinne. Gemeint ist hier das menschliche Leben in all seinen Aspekten von der Zeugung bis zum Tode aber auch „Leben“ überhaupt. So kennen wir historisch betrachtet zum Beispiel auch den Begriff „Āyurveda für Elefanten“ (in Sanskrit: Hastyāyurveda), „Āyurveda für Pferde“ (im Sanskrit Aśvāyurveda) und sogar einen „Āyurveda der Bäume“ (Sanskrit: Vrksāyurveda). Diese Bezeichnungen machen deutlich, wie umfassend die Bedeutung des Begriffes Āyus, d. h. „Leben“/ „Lebensspanne“ in der indischen Kultur ist.

Das Wort Veda heißt zwar einfach übersetzt „Wissen“ oder auch „Wissenschaft“, in der indischen Kultur hat dieses Wort jedoch eine vielfältige Bedeutung und vielfältige Bezüge. Mit Veda im engeren Sinne bezeichnet man sehr alte Textsammlungen, die zu den ältesten Sprachdenkmälern der Menschheit gehören und den Hindus heilig sind. Im engeren Sinne zählt man vier Veden: 1. den Rgveda (sprich Rigveda), 2. den Sāmaveda, 3. den Yajurveda und 4. den Atharvaveda. Diese vier Veden, die zu großen Teilen schon um etwa 1000 v. Chr. ihre heutige Gestalt hatten, enthalten Hymnen und Formeln, die bei großen religiösen Ritualen verwendet werden, indem sie rezitiert, gesungen oder gesprochen werden. Der Wortlaut der Veden, insbesondere des Rgveda, war in Indien so heilig, dass über Generationen große Anstrengungen darauf verwendet wurden, diesen Wortlaut korrekt zu überliefern. Es ist eine einzigartige Kulturleistung der vedischen Schulen, dass wir heute - nach über dreitausend Jahren - noch genau wissen (und hören), wie diese Hymnen korrekt ausgesprochen wurden ! Noch heute dienen vedische Hymnen rituellen Zwecken, z. B. bei der hinduistischen Hochzeitszeremonie. Nach traditioneller Auffassung sind diese Veden nicht menschlichen Ursprungs, sie sind vielmehr von großen Weisen (den Rsi-s) „geschaut“ worden. Im Gefolge des Veda entstehen in der indischen Kultur die Anfänge verschiedener Wissenschaften. Um ein paar – stark vereinfachte - Beispiele zu nennen: Astronomie und Astrologie wurden entwickelt um die genauen Zeitpunkte für die Opferzeremonien zu berechnen. Um den Opferplatz vorschriftsmäßig anzulegen mussten Geometrie und Mathematik entwickelt werden und zum korrekten Sprachgebrauch wurde die Grammatik entwickelt, die zu den wichtigsten Errungenschaften der alten Inder gehört.

Die Veden sind in der indischen Kultur so bedeutend und angesehen, dass gelegentlich diese gesamte Kultur als „vedisch“ bezeichnet wird. Das Ansehen, dass die Veden genossen zeigte sich aber auch darin, dass viele Wissenschaften, die mit den Veden gar nichts zu tun haben, sich in späterer Zeit ebenfalls als Veda bezeichnen. Die Schauspielkunst beispielsweise wird dann Nātya-veda („Veda der Schauspieler“) genannt, die Musik ist Gāndharva-veda, die Waffenkunde Dhanur-veda.

Āyurveda und Veda

An diese Auffassung von Wissenschaft schließen sich die alten āyurvedischen Ärzte an, wenn sie ihre Wissenschaft Āyurveda, also den „Veda der Lebensspanne“ nennen. Wenn man nun den Begriff „vedisch“ als allgemeine Bezeichnung für die Kultur, die auf den Veden aufbaut, verwendet, kann man den Āyurveda als vedische Wissenschaft bezeichnen. Verwendet man die Worte „Veda“ und „vedisch“ aber in ihrer engeren Bedeutung, nämlich als Bezeichnungen der alten vedischen Textsammlungen, dann muss man ganz deutlich feststellen, dass der Āyurveda sich in seinem Weltbild deutlich von den alten Veden unterscheidet ! Dem Āyurveda liegt ein „empirisch-rationales“ Weltbild zugrunde, während die Weltanschauung der alten vedischen Texte „magisch-religiös“ ist. So formuliert es der Indologe Kenneth Zysk ganz knapp und vielleicht auch etwas überspitzt (Zysk 1996: Introduction p. XIV und p. 7/8). Zu den Unterschieden zwischen Veda im engeren Sinne und Āyurveda gehört auch, dass nach traditioneller Auffassung die alten Veden ewig und unwandelbar sind, während der Āyurveda als „Wissenschaft vom Leben“ sich stetig wandeln kann und muss (vgl. Sharma 1981: p. 1).

Was verstehen wir heutzutage unter Āyurveda ?

Betrachtet man den gegenwärtigen Gebrauch des Begriffes Āyurveda, so kann man nach meiner Auffassung vier Bedeutungen unterscheiden:

1.      Āyurveda bezeichnet eine traditionelle gelehrte medizinische Wissenschaft im Indischen Kulturbereich. Auch heute noch wird Āyurveda gelegentlich im traditionellen Kontext gelernt. Eine solche Ausbildung erfolgt meist in engem persönlichen Kontakt zu einem Lehrer und ist eingebettet in eine umfassende traditionelle Bildung. Beispielsweise werden eine solide Kenntnis der klassischen grammatischen Wissenschaft des Sanskrit und der klassischen indischen Philosophie als Voraussetzungen für diese Art der traditionellen Ausbildung angesehen. Grundlage für diese Ausbildung sind die klassischen Texte der āyurvedischen Wissenschaft (siehe Artikel Āyurveda – ein historischer Überblick), die in Sanskrit verfasst sind.

2.      Āyurveda ist heute ein eigenständiges professionalisiertes Medizinsystem in Indien. Im 19. und 20. Jahrhundert hat der Āyurveda in Indien einen tiefgreifenden Wandel erfahren, der äußerlich dadurch gekennzeichnet ist, dass die āyurvedische Ausbildung und Berufsausübung nach dem Vorbild der Biomedizin professionalisiert wurde (siehe Sharma 1981: p. 567-583, kritisch dazu Leslie 1992). So wird Āyurveda heutzutage an Hochschulen gelehrt und nach einem fünfeinhalbjährigen Studium kann die Approbation als āyurvedischer Arzt (B. A. M. S., d. h. "Bachelor of Ayurvedic Medicine and Surgery") erlangt werden. Zudem existieren auch eigene āyurvedische Ärztekammern und Forschungsräte.

3.      In Europa und Nordamerika ist in den letzten zwei Jahrzehnten eine besondere Form des Āyurveda verbreitet worden, die man in Anlehnung an Kenneth G. Zysk (Zysk 2001) "New Age Ayurveda" nennen kann. Diese Spielart des Āyurveda ist gekennzeichnet durch eine übermäßige Betonung von Spiritualität. Die klassische āyurvedische Tradition hat im Gegensatz dazu religiös-spirituelle Aspekte immer von der āyurvedischen Heilkunde unterschieden, wie Zysk zurecht betont (Zysk 2001, p. 24: „Der klassische Āyurveda in Indien hat die medizinische Ausbildung des Āyurveda bewusst getrennt von der spirituellen und religiösen Disziplin der yogischen Askese.“ eigene Übersetzung).

4.      Ebenfalls in Europa und Nordamerika wird Āyurveda in den letzten Jahren oft in den Bereich von "wellness", d. h. Maßnahmen zur Erhaltung und Steigerung von Wohlbefinden, eingeordnet. Dabei wird die heilkundliche und therapeutische Dimension des Āyurveda vollkommen außer Acht gelassen.

Das Grundverständnis der Āyurveda-Klinik Kassel

Die Āyurveda-Klinik Kassel wurde im April 1995 als eigenständige klinische Abteilung innerhalb der Habichtswald-Klinik in Kassel eröffnet. Neben der Āyurveda-Klinik hat die Habichtswald-Klinik drei Fachabteilungen, die Abteilung für Psychosomatische Medizin, die onkologische Abteilung und eine Abteilung für Innere Medizin/ Orthopädie. Die Āyurveda-Klinik Kassel wurde als eigenständiger Bereich innerhalb der Abteilung für Innere Medizin/ Orthopädie etabliert, mit der Absicht, Āyurveda in Deutschland als klinische Disziplin innerhalb einer Klinik zu praktizieren. Zur Āyurveda-Klinik gehören eine Station mit 30 Betten, eine eigene Therapieabteilung zur Durchführung āyurvedischer Öl- und Wärmeanwendungen sowie eine eigene Küche und ein eigener Speisesaal. Da die Āyurveda-Klinik Teil der Habichtswaldklinik ist, kann auch auf die Infrastruktur der Habichtswaldklinik (Klinisches Labor, EKG, Sonographie etc.) zurückgegriffen werden, wann immer dies im Interesse des Patienten oder zur Dokumentation notwendig ist.

Das Verständnis von Āyurveda, das der Arbeit in der Āyurveda-Klinik Kassel zugrunde liegt, stützt sich auf vier Säulen: 1. Die alte āyurvedische Tradition, wie sie in den Werken der „großen Dreiheit“ niedergelegt ist (siehe Artikel „Āyurveda – ein historischer Überblick“). 2. Die āyurvedische Wissenstradition, wie sie in den vergangenen zweitausend Jahren in einer reichhaltigen āyurvedischen Fachliteratur zum Ausdruck kommt. 3. Die gegenwärtige Praxis des Āyurveda in Indien. 4. Einen stetigen Dialog mit der modernen Biomedizin („Schulmedizin“). Alle Ärztinnen und Ärzte, die in der Āyurveda-Klinik Kassel arbeiten, sind in Deutschland approbierte Ärzte, die auch die Möglichkeiten der Biomedizin kennen. Im Interesse einer bestmöglichen Betreuung der Patienten ist deshalb ein Dialog mit der Biomedizin sinnvoll und interessant.

Wir freuen uns auf Sie -

Ananda S. Chopra

(Dr. Kalyani Chopra, Leitende Ärztin der Ayurveda-Klinik Kassel)

Nota bene: Um die Lesbarkeit im Internet zu gewährleisten, musste aus technischen Gründen auf die allgemein anerkannte wissenschaftliche Umschrift der ayurvedischen Fachbegriffe aus der Sanskritsprache verzichtet werden. Ein Ausdruck mit der korrekten Umschrift und den Literaturangaben kann bei der Ayurveda-Klinik Kassel bestellt werden und wird Ihnen kostenlos zugesendet.

E-mail: info@ayurveda-klinik.de Adresse: Ayurveda-Klinik Kassel, Habichtswald-Klinik, Wigandstrasse 1, D-34131 Kassel.

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