


Zunächst einmal gilt es zu klären, was ein „Reizdarm“ überhaupt
ist. Das Reizdarmsyndrom „RDS" ist eine häufig funktionelle Störung
des Verdauungstraktes ohne fassbare organische Ursachen. Es ist
durch immer wiederkehrende Bauchbeschwerden wie Schmerzen,
Stuhlunregelmäßigkeiten und Blähungen gekennzeichnet. Die genaue
Ursache der Erkrankung ist bisher nicht ausreichend bekannt. Frauen
sind häufiger betroffen als Männer.
· Colon irritabile
· Spastisches Colon
· Colica mucosa
Der Reizdarm ist eine ungefährliche Erkrankung, kann jedoch den Betroffenen durch die Vielfältigkeit der Beschwerden in seiner Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Das Reizdarmsyndrom (RDS) macht sich durch eine Reihe von typischen, oft quälenden Beschwerden bemerkbar, die sich tagsüber steigern können, nachts jedoch aufhören:
· Schmerzen, Krämpfe oder Missempfindungen im gesamten Bauchraum, die sich nach Stuhlgang bessern
· Durchfall, Verstopfung oder Wechsel zwischen beiden
· Veränderte Stuhlkonsistenz (hart, wässrig oder breiig)
· Blähungen mit aufgetriebenem Leib
· Gefühl der inkompletten Darmentleerung
Treffen diese Symptome innerhalb eines Jahres während insgesamt
12 Wochen zu und lassen sich keine anderen Ursachen dafür finden,
dann ist die Diagnose Reizdarmsyndrom (RDS) gesichert.
Die meisten Patienten, die mit einem Reizdarmsyndrom in unserer
Klinik behandelt werden, haben schon viele Therapien ausprobiert,
meist ohne Erfolg. Die âyurveda-Medizin kann für diese
Patienten viel tun, wenn sie bereit sind, alte Gewohnheiten und
eingefahrene Rhythmen zu verändern. Das Besondere an der
âyurveda-Medizin ist ihr individueller und ganzheitlicher Ansatz,
die gesamte Lebensweise geht in die therapeutischen Überlegungen
mit ein.
Bevor auf die ayurvedischen Therapiemaßnahmen des
Reizdarmsyndroms eingegangen wird, sollen hier einige
Grundanschauungen der âyurveda-Medizin erläutert werden.
Der Ayurveda ist eines der ältesten Medizinsysteme der Welt. Er
umfasst wesentlich mehr als das, was landläufig unter „Medizin“
verstanden wird. Das drückt auch der Sanskrit-Begriff „Ayurveda“
aus: „âyur“ bedeutet Leben, „veda“ heißt Wissen. âyurveda ist also
die Wissenschaft, die das Leben in seiner Gesamtheit betrachtet.
Sie beschäftigt sich deshalb mit allen Einflüssen, die auf unser
Leben einwirken. Die âyurveda-Medizin möchte den Menschen ein
langes, erfülltes und gesundes Leben ermöglichen, wobei vorbeugende
Aspekte besonders betont werden.
Der Ayurveda geht davon aus, dass im menschlichen Organismus 3 Kräfte wirksam sind, die 3 Dosha (sprich: „Dooscha“) Vàta, Pitta und Kapha. Jeder Mensch bringt bereits bei Geburt eine für ihn typische Konstellation dieser 3 Dosha mit. Diese individuelle Konstellation der Dosha bezeichnet man als ayurvedische Konstitution (Prakçti). Aus ayurvedischer Sicht sind alle Menschen von Geburt an verschieden und müssen deshalb auch unterschiedlich behandelt werden. So haben manche Menschen eine kühle, trockene Haut und frieren leicht, was Zeichen einer Vàta-dominierten Konstitution. Andere haben eine warme, geschmeidige Haut und bevorzugen eine kühle Umgebung (Hinweis auf eine Pitta-dominierte Konstitution). Es gibt Menschen, die bei Belastung mit Gewichtsabnahme reagieren (Vàta- oder Pitta-dominierte Konstitution) und solche, die leicht an Gewicht zunehmen (Kapha-dominierte Konstitution). Die meisten Menschen weisen eine Mischkonstitution aus 2 dominierenden Dosha auf. Einige wichtige Merkmale der einzelnen Dosha sind in Tabelle 1 aufgelistet.
Diese 3 Energien, Vàta, Pitta und Kapha, bestimmen nicht nur
unsere körperlichen und geistigen Eigenschaften, sondern erfüllen
auch bestimmte Funktionen in unserem Körper (s. Tabelle 2). Vàta
ist für die Bewegung zuständig, Pitta für die Umwandlungsprozesse,
Kapha gibt uns Struktur und Stabilität.
Wir und damit unsere Dosha stehen in ständiger Wechselbeziehung zur
Umwelt. Äußere Einflüsse können einzelne körpereigene Dosha stärken
oder sie schwächen. Die Dosha können dadurch aus ihrem natürlichen
Gleichgewicht geraten. Dauert ein solches Ungleichgewicht der Dosha
an, können sich daraus Krankheiten entwickeln. Der âyurveda schaut
nicht nur auf die Krankheit, sondern fragt immer nach der
Grundkonstitution, d.h. auf welchem „Boden“ eine Krankheit
entstanden ist. Erst im 2. Schritt stellt sich die Frage nach dem
Ungleichgewicht der Doshas.
Aus ayurvedischer Sicht handelt es sich beim Reizdarmsyndrom um
eine Vàta-Störung. Das bedeutet, dass im Hinblick auf die
Konstitution eine Vàta-Verstärkung besteht. Die 3 Dosha haben im
Körper eine Hauptlokalisation. Der Hauptsitz von Vàta ist der
Dickdarm, der bei Vàta-Menschen sehr sensibel ist. Menschen mit
einer Vàta-Konstitution neigen deshalb ohnehin eher zu
Verdauungsproblemen mit Blähungen, Stuhlunregelmäßigkeiten und
Verstopfung als die anderen Konstitutionstypen. Ihr Verdauungsfeuer
ist meist schwach ausgeprägt.
Therapeutische Maßnahmen aus ayurvedischer Sicht
Die ayurvedische Anschauung von Therapie ist sehr umfassend und individuell. Ausgehend von den skizzierten Zusammenhängen über die Entstehung von Krankheiten umfasst die ayurvedische Therapie folgende Bereiche:
Erstens Ernährung, zweitens allgemeine Lebensführung und erst an dritter Stelle stehen medikamentöse und physikalische Maßnahmen.
Da es sich beim Reizdarmsyndrom um eine Verstärkung des Vàta-Dosha handelt, ist es wichtig, Vàta zu normalisieren. In die therapeutischen Überlegungen geht jedoch auch immer die ayurvedische Konstitution mit ein.
Aus ayurvedischer Sicht gehört die Ernährung zu den drei Säulen des Lebens. Deshalb steht am Beginn jeder ayurvedischen Behandlung eine entsprechende Ernährungsberatung. Im Unterschied zur westlichen Ernährungswissenschaft gibt der âyurveda individuelle Ernährungsempfehlungen. Die Ernährung soll so ausgerichtet sein, dass sie zum Ausgleichen der Doshas dient, beim RDS also vor allem Vàta regulierend ist.
Grundsätzlich soll man regelmäßig essen und abends warme, leichte und flüssige Speisen bevorzugen. Zur Regulierung von Vàta sollten warme Getränke sowie warme, ölige Speisen bevorzugt werden. Die Nahrung sollte wenig rohe Nahrungsmittel beinhalten. Schweres Essen und sehr scharfe Gewürze sind zu vermeiden. Um die Verdauung zu fördern, eignen sich Ingwerwasser* sowie Gewürze* wie Anis, Fenchel, Kreuzkümmel, Koriander und Kardamom. Kaffee, schwarzer Tee und trockene Nahrungsmittel führen zu einer Vàta-Verstärkung und sind deshalb zu vermeiden.
Um das Verdauungsfeuer anzuregen, eignet sich auch ein Aperitif* mit Kreuzkümmel und Steinsalz vor dem Essen.
Auch hier gilt es, Vàta zu beruhigen durch einen regelmäßigen Tagesablauf und die Vermeidung von Überanstrengungen jeder Art, sowohl körperlich, als auch geistig seelisch. Es empfiehlt sich, früh zu Bett zu gehen und vor Sonnenaufgang aufzustehen. Auch die morgendliche Ganzkörperselbstmassage mit Sesamöl wirkt Vàta-ausgleichend. Die Zunge ist ein Spiegel unserer Verdauung. In der Regel zeigt sich bei Verdauungsproblemen morgens ein Belag auf der Zunge. Das Abkratzen des Zungenbelages sowie die anschließende „Mundspülung“ mit Öl sollte wie das Zähneputzen Teil der Morgenhygiene sein.
Man unterscheidet bei den medikamentösen und physikalischen
Maßnahmen ganz allgemein drei Vorgehensweisen:
1. Lindernde
Maßnahmen:
Der Bauch kann mit warmem Sesamöl massiert und mit einer warmen
Packung behandelt werden (z. B. Ingwerpaste). Bei leichter
Verstopfung hat sich eine Mischung* aus Steinsalz, schwarzem
Pfeffer und Hing (Asafoetida) bewährt, bei Bauchschmerzen und
Blähungen Präparationen mit Piper longum (langem Pfeffer), Fenchel
und Ingwer.
2. „Ausleitende
Verfahren“:
Wie oben bereits beschrieben, entstehen nach ayurvedischer
Anschauung Krankheiten durch eine Verbindung der gestörten Doshas
und Schwachpunkten in der Körperstruktur. In der „ausleitenden“
Behandlung wird zunächst diese krankmachende Verbindung von
Bioenergie und Struktur „aufgeweicht“ und Überschüssiges
„ausgeleitet“. Seit über 2000 Jahren bewährt sich in dieser
Hinsicht im âyurveda das sogenannte Pa¤cakarma-Verfahren. Dabei
handelt es sich um ein komplexes Therapieverfahren mit
Schwitzölbehandlungen sowohl äußerlich, als auch innerlich in Form
von Massagen, Dampfbädern und speziell zubereiteten
Dickdarmeinläufen. Die Pa¤cakarma-Therapie wird auch in unserer
Klinik durchgeführt und ist bei Patienten mit Reizdarmsyndrom sehr
wirkungsvoll.
3. Stärkende und aufbauende
Maßnahmen:
Nach der Behandlung der Erkrankung ist es aus ayurvedischer
Sicht besonders wichtig, den Verdauungstrakt zu stärken. Bewährt
hat sich hier vor allem Triphala Churna (Präparation auf der Basis
von Terminalia chebula, Emblica officinalis, Terminalia belerica),
abends mit warmem Wasser eingenommen. Triphala bringt das Vàta in
die „richtige Richtung“. Hier spielen auch Dosha ausgleichende
Präparate wie Ashwagandha und Amalaki eine große Rolle.
Erläuterungen zu den mit * gekennzeichneten Präparationen
Ingwerwasser: 4 dünne Ingwerscheiben pro Liter Wasser wie Tee aufgießen und 10 Min. ziehen lassen
Verdauungskräuter: Mischung aus Anis, Fenchel, Koriander, Kardamom, Kreuzkümmel zu gleichen Teilen, davon nach den Mahlzeiten ½ Teelöffel kauen
Aperitif:
1 l Wasser mit 1 TL gemahlenem Kreuzkümmel und 1 EL geriebenen
Ingwer auf ¾ l herunterköcheln, zum Schluss ½ TL Steinsalz
dazugeben; davon ca. 30 ml 10 Minuten vor dem Mittagessen
trinken.
Dr. med. Kartes-Rohwer
Ärztin - Habichtswald-Klinik AYURVEDA
Wigandstraße 1
34131 Kassel- Bad Wilhelmshöhe
Tel.: 0561/3108-99
| VâTA |
Kühle, trockene Haut Unruhige Augen, zu Trockenheit neigend Unregelmäßiger Appetit, Neigung zu Obstipation Unstetes Wesen |
| PITTA |
Warme, geschmeidige Haut Bestimmter Blick, Neigung zu roten Augen Regelmäßiger starker Appetit, häufiger Stuhlgang Durchsetzungsstarkes Wesen |
| KAPHA | Kühle, geschmeidige Haut
Große, feuchte Augen Regelmäßiger Appetit, regelmäßiger Stuhlgang Ruhig, gelassen im Wesen |
| VâTA |
Atembewegung Darmbewegung Geistige Beweglichkeit |
| PITTA |
Verdauung und Stoffwechsel Sehen Entschlossenheit und Durchsetzungskraft |
| KAPHA | Struktur und Wachstum
Befeuchtung von Haut und Schleimhäuten Stabilität, gutes Langzeitgedächtnis |
