Ein offenes Wort
Eine ganzheitlich angelegte Klinik, die es ernst meint mit der Ganzheit,
kommt auch an Fragen nicht vorbei, die im Allgemeinen ausgeklammert oder
umschifft werden.
Oft kann Heilsames im Menschen erst geschehen, wenn durch ein inneres
Nachgeben eine innere Öffnung erreicht werden konnte, welche den Fluss der Heil-
und Lebenskräfte in Bereiche zulässt, die bisher verschlossen waren. Auch innere
Härte, die immer dann hochkommt, wenn sie uns am wenigsten dienlich ist, kann
nicht das Mittel der Wahl im Umgang mit uns selbst, anderen Menschen oder mit
anstehenden Problemlösungen sein.
Selbst durch viel praktische Erfahrung geprägt, versuche ich nachstehend,
zwei Themen kurz anzureißen, in der Hoffnung, dass wir Sie als Gast und
Patienten unserer Klinik dafür aufschließen können. Wohlgemerkt, dies tun Sie
nicht uns zuliebe, sondern sich zuliebe.
Es geht um Sie. Auch beim Verzeihen anderen gegenüber geht es um Sie. Wenn
Sie glauben, jemandem nicht verzeihen zu können, dann verzeihen Sie ihm, sich
selbst zuliebe. Nicht er hat unter dem „nicht verzeihen können“ zu leiden,
sondern Sie selbst. Sie sind es, die (oder der) die Blockade, die mit dem „nicht
verzeihen können“ verbunden ist, mit sich herumschleppt. Sie haben insoweit
ihren Energiefluss (auch heilender Kräfte) blockiert.
Vergeben und Verzeihen
Vergeben und verzeihen wird von uns oft sehr verdrängt. Zu allen können wie
lieb und nett sein, aber zu bestimmten Personen nicht. Aber gerade das
Verhältnis zu diesen Personen ist der Gradmesser für unsere vorhandene oder
nicht vorhandene Fähigkeit, vergeben und verzeihen zu können.
Warum tun wir uns an dieser Stelle oft so schwer? Warum halten wir etwas
fest, öffnen uns nicht und sind nicht einfach gnädig? Ganz einfach gnädig und
nachsichtig. Gnädig hat etwas mit Gnade zu tun. Sind wir gnädig zu anderen,
können wir vielleicht auch selbst Gnade erwarten. Aber sicherlich nur dann, wenn
wir nicht „spekulativ“ damit umgehen, d. h. das eine gegen das andere aufrechnen
wollen und dieses Thema nicht mit dem üblichen Spruch angehen „gibst Du mir,
gebe ich Dir“.
Liebe entsteht auch aus der Ohnmacht (Bert Hellinger)
Warum existieren wir? Was hat uns geschaffen? Warum ist die Natur so
nachsichtig mit uns, obwohl wir sie mit Füssentreten?
Weil hinter allem Geschaffenen, allem Seienden, aller Wachstumskraft der
Natur eine unendliche Liebe steht, die von großem Optimismus und dem Glauben an
das Gute – vor allem aber der Liebe – durchdrungen ist.
Wenn wir alles losgelassen haben, und dies ist uns in der Regel nur möglich,
wenn wir kräftemäßig total überfordert sind und nicht mehr anders können als
loszulassen, dann aus dieser „Ohnmacht“ heraus sind wir auch an diese Liebe
angebunden. Dann, wenn wir auf unseren Fundamenten stehen, auf uns selbst
total zurückgeworfen sind, dann sind wir angebunden an diese selbstlose Liebe,
tragen sie in uns, sind nachsichtig, können vergeben und haben unsere Wünsche –
die dies im allgemeinen verhindern – überwunden.
Die Überschrift dieses Artikels lautet „Liebe entsteht auch aus der
Ohnmacht“
Dies trifft dann in dem vorbeschriebenen Zustand zu. Dann gibt es nur noch
die Ursubstanz „Liebe“, die sonst hinter unserer Selbstgefälligkeit und
Aufgesetztheit ins Abseits geraten ist.
Werner Wilhelm Wicker