Die Kunst alter Baumeister – Das alte stattliche Klinikgebäude aus dem letzten Jahrhundert
Werner Wilhelm Wicker
Das alte ehrwürdige Klinikgebäude – welches mit respektvollem
Abstand durch Schaffung von klosterähnlichen Innenhöfen wurde,
stammt aus dem letzten Jahrhundert. Es wurde im Jahre 1883 von dem
Arzt, Dr. Engelbert Greveler, als Kur- und Wasseranstalt Bad
Wilhelmshöhe eröffnet.
Hier wird – beim Anblick dieses Klinikgebäudes – wieder einmal
deutlich, dass uns die alten Baumeister vieles voraus hatten, wenn
es darum ging, Harmonie, Ausgewogenheit, den goldenen Schnitt und
die richtige Einbindung in die Naturgesetze zu finden. Hierzu in
Kurzform einige Beispiele:
- Das Klinikmauerwerk – außen – wird nach oben –dem Licht
entgegen immer heller.
- Das Klinikgebäude wurde mit der Firstrichtung auf den Kraftpol
magnetisch Nord ausgerichtet.
- Das gesamte Gebäude wurde spiegelbildlich und symmetrisch
errichtet. Dies gibt dem Gebäude Harmonie, Stattlichkeit,
Ausgewogenheit und Aufnahmefähigkeit. Es kann besonders Menschen
gut und behütend aufnehmen.
- Das Wechselspiel zwischen männlichen und weiblichen Prinzipien
und Formen wurde vollendet verwirklicht (sowohl in Bezug auf runde
und weiche Formen als auch klare Strukturen, scharfe Ecken und
Kanten).
- Das vorbeschriebene Wechselspiel wird besonders an der
Ostfassade – zum großen Innengarten hin – sichtbar. Hier sind
Fensterbögen, Loggien, gemauerte Säulen, Balkone, Dachgauben und
unterschiedliche Fensterformen besonders eindrucksvoll
wahrzunehmen.
- Die Innenräume verfügen über eine erhabene Höhe, die ebenfalls
an die Kunst und das Einfühlungsvermögen alter Baumeister
erinnern.
- Die Speiseräume im alten Klinikgebäude strahlen viel Wärme,
Gemütlichkeit und Erhabenheit aus.
- Die Patientenzimmer sind sehr großzügig bemessen.
- Auch der im Jahre 1932 errichtete Küchen- und Speisesaalanbau
wurde einfühlsam geplant und in Harmonie und Symmetrie zum alten
Klinikgebäude erstellt.
- Das gleiche gilt für den erstellten Speisesaalanbau auf der
Gartenseite (Ostansicht).
Die neue Architektur der Habichtswald Klinik
Den ersten Preis erhielt aufgrund eines Architektenwettbewerbs
der Entwurf von Prof. Dr. Herzog aus München in Zusammenarbeit mit
Herrn Dipl.-Ing. Bunge aus Kassel. Der beim Gutachterwettbewerb
prämierte Entwurf erfüllte die hohen Anforderungen. Die Planung
brillierte insbesondere durch folgende Eigenschaften:
- Die großen Innengärten führten zu relativ geringen
Höhenentwicklungen. Die alte Klinik setzte sich damit sowohl im
Abstand als auch der Höhe deutlich ab und blieb somit dominant und
zugleich im Mittelpunkt.
- Von besonderer Tragfähigkeit für die architektonische Gestalt
und damit auch für die Verstehbarkeit des Konzeptes war das
Wechselspiel von Innen und Außen, von gebauter Geometrie und frei
geformten Landschaftsräumen. Die Einbeziehung von Bergpark und dem
Innenhof erlaubt ständig wechselnde Ein-, Aus- und
Durchblicke.
- Das Lagernde, Geschichte, Horizontale war als optischer
Haupteindruck maßgeblich. Die einzelnen Geschosse waren
gestalterisch innerhalb des gleichen Formenkanons variiert.
- Alle gewählten geometrischen Dimensionen, Proportionen und
Materialien sind aufeinander bezogen.
Bei dem gesamten Neubaukomplex ist heute festzustellen, dass
sich die vielfältige Vorarbeit und die hochkarätige Planung gelohnt
haben. Es kann festgestellt werden, dass:
- der Nähe zum Schloss und zum Bergpark Wilhelmshöhe durch die
Umsetzung eines eigenen, zeitgenössischen Beitrags von besonderer
gestalterischer Qualität Rechnung getragen wurde,
- die „Wilhelmshöher Allee“ als Kasseler Hauptachse mit dem
Neubau einen markanten städtebaulichen Abschluss gefunden hat,
- die Baukörper so angeordnet sind, dass der zu erhaltende
Waldsaum entlang der Mulangstraße weitgehend unangetastet bleiben
konnte. Hier wurde auch ein natürlicher Bachlauf geschaffen,
- die magnetische Nordachse die Hauptachse der Klinik bildet. An
ihr sind Haupteingang, der Innenhof und die Anordnung der
Bettentrakte orientiert,
- der Garten mit seiner stark geometrisierten Anlage und dem
artikulierten Zentrum, das sich auf der Ost-West-Achse und damit
der Hauptachse des Altbaus befindet, an Anlagen, die aus allen
Klöstern und Kliniken bekannt sind, erinnert,
- dieser ruhige Innenhof, der angrenzende Bergpark sowie
vielfältige Meditationsräume und gestaltete Außenbereiche, den
Patienten die Gelegenheit geben, sich zurückzuziehen und aus der
Natur Kraft und Energie zu schöpfen.
Dipl.-Ing. Andrea Kutzke