Ayurvedische Betrachtungsweise des Burnout-Syndroms.
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Burnout-Syndrom

Schulmedizinische Betrachtung

Es gibt keine klare, einheitliche Definition. Der Begriff Burnout bezieht sich nach wie vor zumeist auf Menschen in helfenden, heilenden Berufen, wird aber inzwischen immer weiter gefasst.

Burnout ist ein Zustand der totalen Erschöpfung mit Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung.

Eine mögliche Definition: Zustand deutlicher körperlicher, psychischer und emotionaler Erschöpfung, der lang anhaltend ist und nicht auf eine kurzfristige Belastung zurückzuführen ist mit reduzierter Leistungsfähigkeit.

Durch Freudenberger und Maslach wurde das Burnout-Syndrom als Reaktion auf chronische, Stress auslösende Faktoren im Beruf beschrieben und in drei Zustände eingeteilt:

1)      eine überwältigende Erschöpfung durch fehlende emotionale und körperliche Ressourcen als persönlicher Aspekt (emotionale Erschöpfung).

2)      Gefühle des Zynismus und der Distanziertheit von der beruflichen Aufgabe als zwischen menschlicher Aspekt (Depersonalisierung).

3)      Gefühl der Wirkungslosigkeit und verminderten Leistungsfähigkeit als Aspekt der Selbst-Bewertung (Erleben von Misserfolg).

Danach wäre eine andere mögliche Definition von Burnout: Reaktion auf ein Missverhältnis zwischen den Anforderungen, die von innen und außen gestellt werden, und den zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten.

Es liegen viele, individuell  verschiedene Symptome nebeneinander vor. Im klinischen Alltag wird die Diagnose Burnout sicherlich zu häufig gestellt und nicht klar von „Erschöpfung“ abgegrenzt. Beim Burnout sind die sozialen Aspekte insbesondere in den Ursachen im Vordergrund. Körperliche Symptome erscheinen erst ganz am Ende.

Nach Freudenberger und North gibt es im Verlauf des Burnout-Syndroms zwölf Phasen:

  • Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen
  • Extremes Leistungsstreben, um besonders hohe Erwartungen zu erfüllen
  • Überarbeitung mit Vernachlässigung anderer persönlicher Bedürfnisse und sozialer Kontakte
  • Überspielen oder Übergehen der inneren Probleme und Konflikte
  • Zweifel am eigenen Wertesystem und ehemals wichtigen Dingen wie Hobbys und Freunden
  • Verleugnung entstehender Probleme, zunehmende Intoleranz und Geringschätzung Anderer
  • Rückzug und Vermeidung sozialer Kontakte auf ein Minimum
  • Offensichtliche Verhaltensänderungen, fortschreitendes Gefühl der Wertlosigkeit, zunehmende Ängstlichkeit
  • Depersonalisierung durch Kontaktverlust zu sich selbst und zu Anderen, das Leben verläuft zunehmend „mechanistisch“
  • Innere Leere und verzweifelte Versuche, diese Gefühle durch Überreaktionen zu überspielen (Sexualität, Essgewohnheiten, Alkohol, Drogen)
  • Depression mit Symptomen wie Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Perspektivlosigkeit
  • Erste Selbstmordgedanken als Ausweg aus dieser Situation; akute Gefahr eines mentalen und physischen Zusammenbruchs.

 

Therapie

Eine gezielte und systematische Therapie des Burnout-Syndroms gibt es nicht.

  • Selbstmanagement Therapie, Selbststeuerung, Selbstregulierung: die Möglichkeit, selbst auf z. B. die berufliche Situation Einfluss zu nehmen. Wer bin ich? Was will ich? Wie erreiche ich effizient meine Ziele?
  • Klare Zielsetzungen (vermindern die Anfälligkeit für depressive Stimmungen signifikant)
  • Maßnahmen aus dem Arbeitsschutz
  • Partizipation und Führung (Teilhabe der Mitarbeiter)
  • Individuelle Vorbeugungsmaßnahmen (Zeit und Raum zum Ausruhen, Sport, Musik, Hobbys, Gebete, Meditation, Entspannung, Distanz zur Arbeit)
  • Entlastungsmöglichkeit im Team
  • Personenbezogene Interventionen: kognitives Verhaltenstraining, Beratungsgespräche, Training von berufsbezogenen Fähigkeiten, soziale Unterstützung, Entspannungsübungen, Kommunikationstraining, Musiktherapie, Umstrukturierung von Arbeitsabläufen)

Ayurvedische Betrachtungsweise des Burnout-Syndroms

In der schulmedizinischen Diagnose und Therapie vom Burnout-Syndrom stehen interessanterweise psycho-soziale Aspekte im Vordergrund. Im Ayurveda lassen sich Psyche und Körper nicht trennen, aber es gibt Faktoren, welche hauptsächlich zu mentalen Störungen führen:

Ursachen

  • unzuträglicher Kontakt der Sinnesorgane
  • atiyoga: zu stark (z. B. Hören zu lauter Musik)
  • hinayoga: zu wenig Sinnesreize
  • mithyayoga: falscher Gebrauch (z. B. Schauen von Horrorfilmen)
  • falsche Lebensführung
  • falsche Handlungen (karma), welche nicht der Situation adäquat sind, welche den Körper oder die Psyche schädigen, welche Andere schädigen

Die Reaktion auf und der Umgang mit diesen Auslösern ist sowohl abhängig von der Deha Prakrti (körperlichen Konstitution, abhängig von Vata, Pitta und Kapha) als auch der Manasa Prakrti (mentalen Konstitution, abhängig von Sattva, Rajas und Tamas).

Symptome

Das jeweilige Konstitutionsbestimmende Dosha wird in seinen Eigenschaften verstärkt.

Das heißt, ein Vata dominierter Mensch (Elemente Luft und Äther) wird im Burnout noch mehr zu Luft, d. h. der Mensch verliert total die Bodenhaftung und fühlt nur noch Leere im Körper. Symptome: Furcht, Ängstlichkeit, Nervosität, Verstopfung, Palpitationen (Herzklopfen), Atemlosigkeit, Unruhe, Unsicherheit, die Reaktion kommt sehr schnell und geht sehr schnell wieder weg. Vata lässt sich auch als Wind übersetzen, im Deutschen wird so schön gesagt „durch den Wind sein“.

Ein Pitta dominierter Mensch (Elemente Feuer und etwas Wasser) verbrennt quasi, das Feuer steigt, der Mensch entwickelt immer mehr Aktivität, bis plötzlich nichts mehr geht. Symptome: Übersäuerung, saure Verdauungsstörung, Herzbrennen, Nesselsucht, Ausschläge, Herpes, Irritation, Wut, Hass, Kritik, Neid, Eifersucht, Aggressionen.

Ein Kapha dominierter Mensch (Elemente Erde und Wasser) wird immer schwerer. Der Mensch verfällt in Lethargie. Je stärker das Burnout-Syndrom wird, umso bewegungsloser wird er. Symptome: emotionales Essen, Übergewicht, Anhaftung, Depression, Trauer, Depression, Gefühl der Wertlosigkeit.

Daher ist es sinnvoll schon vor dem Beginn eines Krankheitsgefühls die eigene Konstitution zu kennen, um der Erkrankung vorzubeugen. Dies geschieht durch Ernährung, Lebensführung, Kräuter und Behandlungen (z. B. Massagen) entsprechend der Konstitution schon im gesunden Zustand.

Da der Begriff Burnout im Ayurveda so nicht existiert, sollte zur Vergleichbarkeit mit der Schulmedizin eine ayurvedische Zuordnung nicht allein über die Doshas erfolgen, sondern auch vorrangig im mentalen und sozialen Bereich sein. Dafür bieten sich die Sadvrtta (allgemeinen ethischen Grundsätze zur Gesunderhaltung) an, welche sich auch eher mit den sozialen Umgangsformen beschäftigen. In der Therapie sollte viel Wert auf Svasthavrtta (Lebensregeln zur Erhaltung der Gesundheit) gelegt werden.

 

Ayurvedische Therapie

Svasthavrtta

Ayurvedische Lebensregeln zur Erhaltung der Gesundheit

  • Dinacarya (Tagesroutine)
  • Ritucarya (Verhalten entsprechend der Jahreszeiten)
  • Sadvrtta (allgemeine ethische Grundsätze)

Diese Lebensregeln gelten übergreifend für alle drei Doshas und sorgen hauptsäch-lich für eine geistig-psychische Gesunderhaltung. In der Tagesroutine und Jahres-zeitenroutine sollte die Lebensführung an die jeweils vorherrschenden Doshas angepasst werden. Dies erfordert eine gewisse Disziplin und dient der Vorbeugung von Krankheiten auf körperlicher und psychischer Ebene. Disziplin kann besonders in stressigen, schwierigen Lebenssituationen (Burnout) einen Halt und eine Stabilität geben.

Die allgemeinen ethischen Grundsätze sorgen für eine Psycho-Hygiene und dienen der mentalen Gesundheit und Stabilität. Es geht hauptsächlich um Achtsamkeit mit sich selbst und allen anderen Lebewesen. Jede Handlung sollte achtsam und bewusst sein. So kann Krankheiten (psychisch und körperlich) vorgebeugt werden und die Reaktion der Situation und den eigenen Möglichkeiten entsprechend erfolgen. Dabei wird nicht Wert auf Selbstkontrolle in Form von „sich zusammen-reißen und funktionieren“ gelegt, sondern vielmehr die Selbstwahrnehmung betont.

 

Sadvŗtta (rechtes Verhalten)

Nach R. H. Singh: Svasthavrtta-vijnana p. 44 ff.

1)                  Bezüglich „Geist“

Zu pflegen: Unterscheidungskraft üben, Zufriedenheit, Anderer raue Worte erdulden, Ursachen für Hass und Zorn beseitigen

Nicht zu pflegen: unstetes Herz, übermäßige Sinnesreize, Zorn, übermäßige Freude, Eifersucht, Furcht, Stolz, Geltungssucht, Gier u. a.

2)                  Bezüglich „Charakter“

Zu pflegen: Wahrhaftigkeit, Bescheidenheit, „zur rechten Zeit das rechte Wort“, Verzeihen können u. a.

Nicht zu pflegen: Geheimnisse verraten, Anderer Reichtum begehren, schlechte Gesellschaft u. a.

3)                  Bezüglich „Gesellschaft“

Zu pflegen: Gastfreundschaft, Respektspersonen Respekt erweisen, Ältere ehren, alle Lebewesen gleich achten, Ängstliche stützen u. a.

Nicht zu pflegen: Schlechte Umgangsformen, Streitsucht, u. a.

4)                  Bezüglich Religion

Zu pflegen: Glaube! Beten, religiöse Sitten vollziehen.

Nicht zu pflegen: Tote entehren, Anderer Glauben schlecht machen, u. a.

Diese Empfehlungen stammen aus dem indischen Kulturkreis und sind vor vielen tausend Jahren aufgestellt worden. Dennoch sind sie auch heute noch gültig und auch auf den europäischen Kulturkreis übertragbar.

Man sollte eine Lebensform wählen, welche Werte beachtet. Wahre und einfache Sprache, frei von negativen Emotionen wie Wut, Verzicht auf Drogen, ein ruhiges Herz, Spiritualität, eine moderate und friedliche Lebensführung, Selbstkontrolle und Hingabe fungieren als Rasayana (Gesunderhaltung bis ins hohe Alter).

Bei diesen Empfehlungen für die Lebensführung geht es grundsätzlich darum, mit Bewusstsein zu handeln. Der achtsame Umgang mit sich selbst und Anderen wird betont. Es ist schwierig, diese Dinge im Alltag ständig zu beherzigen, aber sicher sinnvoll, sie immer einmal wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Konkrete ayurvedische Akutmaßnahmen

Ein Rückzug aus dem Alltag (stationärer Klinikaufenthalt) über einen längeren Zeitraum ist beim Burnout die erste Maßnahme. Dadurch kann die eigene Situation mit etwas Abstand in Ruhe überdacht werden. Es bestehen keine Verpflichtungen und der Druck des „Funktionieren-Müssens“ fällt weg. Eine Tagesroutine kann wieder eingeübt werden. In der Klinik können vielfältige Entspannungsmethoden genutzt und erlernt werden. Dazu zählen auch einfach nur Spaziergänge in der Natur ohne Verpflichtungen. Sie helfen, in die Ausgeglichenheit und Achtsamkeit zurückzufinden. Durch Yoga und Meditation werden körperliches und psychisches Bewusstsein gestärkt. Auch hier können die Techniken in der Klinik genutzt und erlernt werden, um sie dann in den Alltag zu integrieren. Die ayurvedische Ernährung wirkt auf Körper und Geist stabilisierend und ausgleichend. Im Burnout ist es besonders wichtig, warme Nahrung zu sich nehmen. Diese ist leichter verdaulich, kostet den Körper daher keine Anstrengung und wirkt auf die Psyche befriedigend. Zusätzlich sollten individuell abgestimmte Anwendungen (Massagen) durchgeführt werden. Z. B. die Fußmassage (Padabhyanga) wirkt erdend und entspannend, der Stirnguß (Shirodhara) klärt den Geist. Es gibt eine große Vielzahl an ayurvedischen Anwendungen, stoffwechselanregende, reinigende, entspannende usw. Sie sollten der Konstitution und dem momentanen Zustand entsprechend ausgewählt werden. Natürlich gibt es auch ayurvedische Heilpflanzen, welche im Burnout direkt helfen. Auch diese müssen individuell abgestimmt werden. Einige wichtige sind: Bacopa monniera (Wassernabelkraut), Convolvulus pluricaulis (Ackerwinde), Withania somnifera (Winterkirsche), Nardostachus jatamamsi (Narde), Valeriana officinalis (Baldrian),  Humulus lupulus (Hopfen), Lavendula angustifolia (Lavendel), Passiflora incarnata (Passionsblume). Diese Pflanzen stelle ich nach und nach auf der Website www.ayurveda-klinik.de unter den Pflanzen des Monats vor.

Auch im Ayurveda gibt es keine einheitliche Therapie des Burnout-Syndroms. Die Maßnahmen müssen individuell abgestimmt werden. Zur Behandlung eines manifesten Burnout-Syndroms ist meist ein längerer stationärer Aufenthalt notwendig.

 

Juli 2011, Dr. Kalyani Chopra

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