An den römischen Wasserfällen von Tivoli und Terni entzündete sich die
barocke Fantasie von Landgraf Karl, dem fürstlichen Italienreisenden aus
Hessen.
Das daraus entstandene, beherrschende Bauwerk ist das Riesenschloss, das
Oktogon mit der darüber befindlichen 30 Meter hohen Pyramide. Darüber thront,
auf seiner Keule gestützt, seit über 250 Jahren der kupferne Halbgott, der 8,25
Meter messende Herkules (60 Zentner Kupferblech waren zu seiner Herstellung
notwendig). Mit dem Bau der gewaltigen Anlage, die auf dem 525 m hohen Karlsberg
(nach dem Erbauer Landgraf Karl benannt) entstand, wurde 1701 begonnen.
Das Oktogon erreicht eine Höhe von insgesamt 60 Metern (Oktogon 30 Meter,
Pyramide 30 Meter) auf dem Karlsberg. Die Bauarbeiten wurden im Jahre 1714
abgeschlossen.
Fast 80 Jahre später wurden zu den bestehenden Kaskaden weitere Wasserspiele
hinzugefügt. Landgraf Wilhelm IX (als Kurfürst Wilhelm I. 1785-1821) ließ
diese von dem Inspektor der Wasserkünste – Karl Steinhöfer – und dem Direktor
der Bauakademie und Gartenarchitekt Heinrich Christoph Jussow planen und unter
ihrer Leitung bauen.
Herkulesstatue
Am 30. November 1717 wurde die 8,25 m große
Kupferstatue des Herkules auf die Pyramide des Oktogons gesetzt. Die Figur
gehört zum Typus des „Heracles farnese“, einem Typus von unwiderstehlicher
Kraft, vom Bildhauer Lysipp in Rom in einer Statue dargestellt, d. h. des sich
ausruhenden, über seine Taten nachsinnenden Helden. Herkules stützt sich auf
eine Keule, die mit dem Fell des Löwen behängt ist (1. Tat). Seine Hand auf dem
Rücken hält drei Äpfel der Hesperiden (11. Tat).
Die Wasserkünste und Wasserspiele
Wasserspiele und
Kaskaden
Die Wasserkaskaden, 250 m lang und 12 m breit, bestehen aus großen
Querterrassen, beidseitig abgefasst, mit hohen, abfallenden Stufen (Wasserlauf).
Auf einer Länge von 250 Metern stürzt das Wasser über die mannshohen Stufen zum
Tal.
Vom Oktogon bis hinunter zum Neptunbassin werden die Kaskaden nach jeweils 50
Metern von insgesamt fünf ovalen Wasserbecken unterbrochen. Die gewaltige
Kaskadenanlage wird beidseitig von je 535 Stufen begleitet.
535 Treppenstufen sind es somit vom Neptunbassin bis unterhalb des
Oktogons.
842 Treppenstufen führen vom Neptunbassin bis hinauf zur Spitze der
Pyramide des Oktogons.
Die Wasserkünste benötigen 1.200 Kubikmeter Wasser, 7 Personen öffnen und
schließen die verschiedenen Wasserschieber.
Wo kommen die großen Wassermassen für eine der schönsten Wasserspielanlagen
Europas her?
Das Wasser für die Wasserkünste wird – auf der Hochebene hinter dem
Herkules – im Sichelbachbecken im Habichtswald durch Regen- und Schmelzwasser
gesammelt, es fasst ca. 40.000 Kubikmeter. Überflüssiges Wasser fließt zu einer
Seite in die Ahne und zur anderen Seite in die Drusel ab. Die Wasserkünste
bestehen aus zwei Wasserwegen, die vom Sichelbachbecken abgeleitet werden. Das
Wasser durchläuft alle Stationen allein durch den natürlichen Druck, so dass
Pumpen und ähnliche Hilfsmittel nicht nötig sind.
Erster
Wasserweg
600 Kubikmeter Wasser fließen zum Feuerlöschteich (rechts oberhalb neben dem
Oktogon) über die seitlichen Kaskaden zum Artischocken-Becken vor der
Vexierwasser-Grotte. Hier beginnen die eigentlichen Wasserkünste mit einer
kleinen Fontäne, das Wasser fließt weiter über die Kaskaden.
Zum gleichen Zeitpunkt wird Wasser vom Sammelteich freigegeben und fließt zum
Riesenkopfbassin. Dort ragt der Kopf des besiegten Giganten Encelados aus dem
steinernen Gewirr hervor. Zum Zeitpunkt der Wasserkünste schleudert Encelados
zornig seinem Bezwinger Herkules einen Wasserstrahl (ca. 15 Meter hohe Fontäne)
entgegen.
Links in einer Nische steht ein Triton (griechischer Meeresgott), rechts ein
Zentaur (halb Mensch/halb Pferd), die mit ihren Hörnern das Signal zum Beginn
der Wasserkünste geben. Das Tönen, das durch natürlichen Wasserdruck erzeugt
wird, hört man noch weit unten im Park.
Weiter fließt das Wasser über die Kaskaden und stürzt in das sechs Meter
tiefer gelegene Neptunbassin. Hinter diesem kleinen Wasserfall liegt die
Neptunsgrotte, eine Halle, die in drei Nischen aufgeteilt ist. In der mittleren
Nische steht die Gipsstatue Neptuns (römischer Gott des Meeres, seit dem 5.
Jahrhundert v. Chr. mit dem griechischen Meeresgott gleichgesetzt). Vom
Neptunbassin geht das Wasser unterirdisch seinen Weg bis zum
Fontänenreservoir.
Zweiter Wasserweg
Gleichzeitig fließen 600 Kubikmeter Wasser vom Sichelbachbecken über den Asch
zum Steinhöfer Wasserfall, von dort in einen Graben zum Fontänenreservoir
(oberhalb der Pluto-Grotte). Ein Teil wird zur Teufelsbrücke weitergeleitet und
fließt unter der Brücke hindurch in den 10 Meter tiefer gelegenen Höllenteich,
von dort in ein Sammelbecken. Hier wird das Wasser unterhalb des Aquädukts
geleitet und fließt seitlich über Felsbrocken ins Tal.
Der verbleibende Rest des Wassers im Fontänenreservoir wird für das Aquädukt
freigegeben. Es fließt entlang der römischen Wasserleitung und stürzt in die 43
Meter tiefe Schlucht. Von dort führt der Weg weiter über die „kleinen Kaskaden“
zum Fontänenteich und schließlich zum „Lac“.
Zu Beginn der Wasserkünste wird das Wasser – unterirdisch verrohrt – vom
Fontänenreservoir zum Fontänenteich geführt. Ein weiteres Rohr dient zum
Druckausgleich. Dann wird mechanisch ein Deckel geöffnet, so dass durch die
freigewordene Energie der Wassermassen eine 52 Meter hohe Fontäne entsteht. Das
Wasser fließt schließlich weiter zum „Lac“ unterhalb des Schlosses.
Fontänenteich und „Lac“
Über die „Kleinen Kaskaden“, die 1893 nach Plänen von Jussow und Steinhöfer
gebaut wurden, fließt das Wasser vom Äquadukt kommend neben dem „Jussow-Tempel“
in den Fontänenteich. Dieser natürlich erscheinende Teich wurde ebenfalls nach
Plänen von Jussow in der Zeit von 1789 bis 1790 künstlich angelegt. Hier finden
die „romantischen Wasserkünste“ in der 52 Meter hoch aufsteigenden Fontäne ihren
grandiosen Abschluss. Das Wasser fließt weiter vom Fontänenteich über künstlich
angelegte, jedoch natürlich wirkende Wasserfälle zum Schlossteich, dem
sogenannten „Lac“, der von 1785 bis 1791 nach Jussowschem Plan angelegt wurde
und aus einem kleinen Fischteich entstand.
Die Löwenburg
Die dritte große Anlage im Park Wilhelmshöhe neben dem Schloss Wilhelmshöhe
und dem Herkules (Riesenschloss mit Kaskaden) ist die Löwenburg.
Diese
Lieblingsschöpfung Kurfürst Wilhelms I entwickelte sich von 1793 bis 1801 aus
kleinen Anfängen zu einer umfangreichen Baugruppe um einen geräumigen
Burghof.
Die Löwenburg befindet sich auf einem Bergvorsprung und bildet vom
Park Wilhelmshöhe aus eine wirkungsvolle Zusammenfassung und Bekrönung von
Landschaftsbildern.
Ihre Funktion für den Gesamtpark entspringt der
englischen Gartenkunst. Die englische Neugotik war ein Vorbild für die
Architektur.
Die Löwenburg ist die erste neugotische Schöpfung dieser Größe
auf dem Kontinent.
Bei dem Bauwerk handelt es sich um eine romantische
Hinwendung zur Geschichte und Sentimentalität („Gotik
revival“).