Ayurveda und die Behandlung der chronischen
Bronchitis
Ananda Samir Chopra
Nota bene: Um die Lesbarkeit im Internet zu
gewährleisten, muss im folgenden aus technischen Gründen auf die
allgemein anerkannte wissenschaftliche Umschrift der ayurvedischen
Fachbegriffe aus der Sanskritsprache verzichtet werden. Ein
Ausdruck mit der korrekten Umschrift und den Literaturangaben kann
bei der Ayurveda-Klinik Kassel bestellt werden und wird Ihnen
kostenlos zugesendet.
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Adresse: Ayurveda-Klinik Kassel, Habichtswald-Klinik, Wigandstrasse
1, D-34131 Kassel.
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Was ist eine chronische Bronchitis ?
Von einer chronischen Bronchitis spricht man laut Definition,
wenn in mindestens zwei aufeinander folgenden Jahren für mindestens
drei Monate Husten und Auswurf besteht. Zunächst besteht eine
Entzündung der Schleimhäute in den Bronchien. Bei länger dauerndem
Krankheitsverlauf kommt es durch andauernde Schleimhautschwellung
zu einer Verengung der Bronchien. Dabei kann es zur Überblähung der
feinen Lungenbläschen kommen (Lungenemphysem). Hier spricht man
auch von einer „chronisch obstruktiven Lungenerkrankung“ (oft als
COPD abgekürzt, nach der englischen Bezeichnung "chronic
obstructive pulmonary disease"). Wenn die chronische Bronchitis
nicht im frühen Stadium gestoppt oder geheilt werden kann, kommt es
zu einem Umbau von Lungengewebe in Bindegewebe. Je nach dem Befund
bei der Lungenfunktionsuntersuchung unterscheidet man verschiedene
Schweregrade der COPD. Im fortgeschrittenen Stadium ist die Lunge
anfälliger für Infektionen, das heißt es kann immer wieder zu
Lungenentzündungen kommen und auch das Herz wird belastet. In
diesem Stadium ist die chronische Bronchitis bzw. COPD eine
fortschreitende Erkrankung. Wichtigste Ursache und wichtigster
Risikofaktor für die chronische Bronchitis ist das Rauchen.
Chronische Bronchitis aus ayurvedischer Sicht
Dem Ayurveda (siehe Artikel Was heißt Ayurveda ?) liegt ein
eigenes umfassendes wissenschaftliches System zugrunde. Das
bedeutet, dass der Ayurveda ganz eigene Vorstellungen von der
Entstehung und Entwicklung von Krankheiten besitzt (siehe Artikel
Krankheitsentstehung im Ayurveda). Zum besseren Verständnis der
ayurvedischen Therapieansätze, stellen wir kurz einige ayurvedische
Anschauungen zur Entstehung von chronischer Bronchits vor. Bitte
beachten Sie dabei aber immer folgende Punkte:
· Ayurvedische
Anschauungen zur Entstehung und Entwicklung von Krankheiten sind
außerordentlich komplex. Neben den Veränderungen im menschlichen
Körper müssen zum Beispiel auch Ernährung und allgemeine
Lebensweise berücksichtigt werden. Um den Rahmen dieses Artikels
nicht zu sprengen, beschränken wir uns hier auf einige typische
Konzepte. Insbesondere betrachten wir dabei die Auffassungen zur
Ursache (im Sanskrit: Nidana), zur Entwicklung (im Sanskrit:
Samprapti) und zur Symptomatik (Rupa) der Krankheit
· Die ayurvedischen
Krankheitsbezeichnungen lassen sich nur schwer oder gar nicht mit
modernen medizinisch definierten Krankheitsbildern gleichsetzen. Um
nun Krankheitsbilder aus ayurvedischer Sicht sinnvoll
klassifizieren zu können, orientieren wir uns hier vor allem an der
Krankheitssymptomatik, wie sie heutzutage definiert wird. Dies
scheint aus pragmatischen Gründen sinnvoll und geschieht durchaus
im Anschluss an die moderne ayurvedische Fachliteratur (z. B. Singh
1991 und Desai 1985-1990). In unserer täglichen klinischen Arbeit
in einer Ayurveda-Klinik in Deutschland bedenken wir immer beides,
die moderne medizinische Diagnose und die ayurvedische
Krankheitsbeschreibung.
· Sowohl die genaue
Diagnose einer Erkrankung, als auch die rechte Therapie müssen im
Ayurveda immer äußerst individuell betrachtet bzw. geplant werden.
Die folgende Darstellung kann also nur zur groben Orientierung
dienen. Im konkreten Fall raten wir immer dazu, einen ayurvedisch
ausgebildeten Arzt aufzusuchen.
Wie betrachtet der Ayurveda die chronische Bronchitis
?
Aus ayurvedischer Perspektive kann man die chronische Bronchitis
und die chronische obstruktive Lungenerkrankung vor allem unter der
Krankheitsbezeichnung Kasa (wörtlich übersetzt „Husten“)
einordnen.
Als allgemeine und typische Ursachen für diese
Erkrankung gelten im Ayurveda etwa Inhalation von Rauch und Staub,
körperliche Überanstrengung und übermäßiger Genuss trockener
Nahrung. (siehe z. B. Susruta-Samhita, Ut.
52.4).
In Hinblick auf die unten aufgeführte spezifische Unterteilung
der Symptomatik, werden auch folgende spezifische Ursachen
genannt:
a) Ursachen für Vata-bedingte Bronchitis
sind etwa übermäßiger Genuss trockener, kalter und
zusammenziehender Substanzen, Fasten, übermäßiger
Geschlechtsverkehr, Unterdrückung natürlicher Dränge und
körperliche Überanstrengung.
b) Als Ursachen für Pitta-bedingte
Bronchits gelten übermäßiger Genuss von scharfen, heißen und sauren
Substanzen sowie Zorn und übermäßige Hitzeexposition.
c) Einige Ursachen für
Kapha-bedingte Bronchits sind der Genuss von schweren, schleimigen,
süßen und fettigen Substanzen sowie Bewegungsmangel.
Andere spezifische Ursachen können hier vernachlässigt werden
(siehe z. B. Chopra 2003). Alle genannten Ursachen bewirken aus
ayurvedischer Sicht eine Störung des Vata, insbesondere des
Prana-Vàta und Udana-Vàta. Dieses gestörte Vata greift gleichsam
die Atemwege aber auch andere Gewebe an und es kommt zu
Erkrankungen, die durch Husten gekennzeichnet sind.
Aufgrund der Symptomatik unterscheidet man im Ayurveda
mehrere verschiedene Krankheitsbilder, die der Bronchitis
entsprechen. Zunächst seien typische Symptomenkomplexe aus
ayurvedischer Sicht vorgestellt. Häufig sind jedoch Symptome
verschiedener Kategorien gemeinsam zu beobachten.
a) Vata-bedingte Bronchitis: Trockener
Husten, der oft auch krampfartig auftritt. Begleitend kommt es auch
zu Schmerzen in der Herzgegend, Schmerzen in den Schläfen oder im
gesamten Kopf, Bauch- und Rückenschmerzen. Körperliche Schwäche,
Heiserkeit und reduzierte Vitalität sind weitere Kennzeichen der
Vata-bedingten Bronchitis.
b) Pitta-bedingte Bronchitis: Husten mit
Brennen im Brustbereich und im ganzen Körper, Fieber,
Mundtrockenheit, bitterer Geschmack im Mund, starker Durst und
blasse Haut.
c) Kapha-bedingte Bronchitis:
Husten mit Auswurf, oft zäher Schleim, körperliche Schwäche,
Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und Schweregefühl im ganzen
Körper.
Moderne ayurvedische Autoren (so Singh 1991: Vol. 2, p. 192)
sehen die chronische Bronchitis vor allem als Kapha-bedingte
Bronchitis.
Bei der Diagnose der chronischen Bronchitis müssen aus
ayurvedischer Sicht neben einer genauen Betrachtung der
Symptomatik, wie oben beschrieben, auch andere Faktoren
berücksichtigt werden (siehe Artikel Diagnose im Ayurveda). Neben
der individuellen Konstitution, die immer betrachtet werden muss,
ist insbesondere auch der Zustand des Agni zu untersuchen. Unter
diesem Begriff fasst man verschiedene Umwandlungsprozesse im
Menschen zusammen.
Wie behandelt man aus ayurvedischer Sicht die chronische
Bronchitis ?
Diese umfassende Diagnoseerhebung ist Voraussetzung für die
Einleitung einer sinnvollen und individuellen ayurvedischen
Therapie.
Im Ayurveda herrscht ein sehr weiter Begriff von Therapie (siehe
Artikel Ayurvedische Therapie im Überblick). Nicht nur die
Verabreichung von Arzneimitteln gilt hier als Therapie, sondern
Therapie beginnt schon viel früher und grundsätzlicher. Nach einer
allgemeinen Einteilung zählt man zur Therapie zunächst Empfehlungen
zur Ernährung und allgemeinen Diätetik, erst danach folgen dann die
Gabe von Arzneimitteln und ausleitende Therapieverfahren.
Zur Diätetik bei chronischer Bronchitis gehören folgende
Empfehlungen:
Allgemein gilt, dass die auslösenden Ursachen (wie oben
aufgeführt) zu meiden sind. Auch aus ayurvedischer Sicht würde man
Patienten mit chronischer Bronchitis dringend dazu raten, dass
Rauchen aufzugeben.
Bezüglich der Ernährung werden allgemein empfohlen: Reis,
verschiedene Sorten (geschälter) Linsen wie die sogenannten
Urid-Linsen (botanische Bezeichnung: Phaseolus roxburghii),
Knoblauch, Ingwer, Schwarzer Pfeffer und langer Pfeffer (Piper
longum) sowie der Genuss von heißem Wasser und Honig.
Spezifische Ernährungsempfehlungen, nach der oben angegebenen
Unterscheidung der Symptomatik, lauten:
Bei Vata-bedingter Bronchitis Genuss von Fisch, Fleischbrühe,
pflanzlichen Ölen Milch in Maßen und möglichst als Milchbrei,
Joghurt, junger Wein in rechter Menge sowie süße saure und salzige
Speisen.
Bei Pitta-bedingter Bronchitis wird die Fleischbrühe von
Geflügel und Wild empfohlen, ebenso wie Mung-Bohnen, bitteres
Blattgemüse (z. B. Mangold) und Gerstenprodukte. Ziegenmilch und
Ziegenmilchprodukte (Ziegenkäse) sind nützlich. Bei zähem Schleim
ist der Genuß von Honig günstig, bei dünnflüssigem Schleim auch
Reis mit Fleischbrühe.
Bei Kapha-bedingter Bronchits sollte Reis eher gemieden werden,
stattdessen werden Getreideprodukte empfohlen. Reduzierte Kost
sowie scharfe Kräuter und Gewürze zu empfehlen.
Allgemein zu meiden sind, wenn nicht im Einzelfall anders
empfohlen, süße und fettige Speisen, Geschlechtsverkehr, übermäßige
körperliche Anstrengung, Schlafen am Tage (Ausnahme bei sehr
geschwächten Patienten), Milch, Joghurt, Rauch- und
Staubexposition.
Auch in der Therapie der Bronchitis wird nach Symptomatik
unterschieden:
Bei der Vata-bedingten Bronchitis werden Öl- und Fettanwendungen
empfohlen. Dazu zählen die innerliche Einnahme von Butterschmalz
(das so genannte Ghi) mit speziellen Kräutern und Öldarmeinläufe
(z. B. mit Sesamöl). Äußerliche Ölanwendungen wie
Ganzkörperölmassagen und Schwitzanwendungen unter Zugabe fettiger
Substanzen sind ebenfalls einzusetzen.
Wann immer notwendig, würden auch „ausleitende“
Therapieverfahren zur Anwendung kommen.
Bei der Pitta-bedingten Bronchitis sind ausleitende Verfahren zu
empfehlen. Nach diesen Therapien muss unbedingt ein schonender
Kostaufbau (siehe Artikel Was geschieht in der Pañcakarma-Therapie)
erfolgen. Präparationen aus „weißem Kürbis“ (Benincasa hispida)
sind bei Pitta-bedingter Bronchitis sehr zu empfehlen.
Beim Krankheitsbild der Kapha-bedingten Bronchitis sind
unbedingt „ausleitende“ Therapieverfahren durchzuführen. Hier ist
auch das therapeutisch induziertes Erbrechen (siehe Artikel Was
geschieht in der Pañcakarma-Kur) indiziert. Der Kostaufbau danach
sollte mit scharfen, trockenen und wärmenden Speisen erfolgen.
Der Ayurveda empfiehlt auch eine Vielzahl von pflanzlichen
Arzneien bei chronischer Bronchitis. Hierzu gehören beispielsweise
Arzneien, die den „langen Pfeffer“ (im Sanskrit Pippali, botanisch:
Piper longum) enthalten, ebenso wie solche mit Ingwer, Gewürznelke
und Kardamom. Auch Präparationen aus einer Fichtenart mit dem
botanischen Namen Abies spectabilis werden angewendet, diese
Pflanze weist experimentell entzündungshemmende und hustenstillende
Aktivitäten auf (siehe Nayak et al. 2003). Gerade hier gilt aber,
dass solche und andere ayurvedische Arzneien immer ärztlich
verordnet werden sollten.
Fallbeispiel eines Patienten mit chronischer
Bronchitis
Im folgenden dokumentieren wir den Fall eines Patienten mit
chronischer Bronchitis, der sich 1995 in der Ayurveda-Klinik Kassel
einer intensiven ausleitenden Therapie auf der Basis der
Pañcakarma-Therapie unterzog. Seither (d. h. mehr als zehn Jahre)
ist der Patient bezüglich seiner chronischen Bronchitis
beschwerdefrei und weist damit ein extrem gutes Therapieergebnis
auf. Nicht jeder Patient mit diesem Krankheitsbild wird ein ähnlich
gutes Therapieergebnis erreichen, dieses Beispiel zeigt aber in
jedem Fall, wie eine solche Therapie in einer deutschen
Ayurveda-Klinik ablaufen kann.
Vorgeschichte:
Der 56jährige Patient, der 1995 in die Ayurveda-Klinik Kassel
kommt, leidet seit 11 Jahren an einer chronischen Bronchitis.
Seinerzeit erlitt der Patient während eines beruflich bedingten
Aufenthaltes in Ostasien eine Lungenentzündung. Danach entwickelte
sich die chronisch obstruktive Bronchitis, die zum Zeitpunkt der
Aufnahme mit Corticosteroiden und bronchodilatatorischen
Medikamenten behandelt wird. Etwa drei Wochen vor dem stationären
Aufenthalt in der Ayurveda-Klinik, Kassel tritt bei dem Patienten
eine Interkostalneuralgie auf, die bei Aufnahme noch diskret
vorhanden war. Außerdem ist seit längerem eine gutartige
Prostatavergößerung bekannt.
Therapie:
Aus ayurvedischer Sicht hat der Patient eine Vata-Kapha
Konstitution mit kombinierter Vata- und Kapha-Aggravation. Die
verstärkten Dosa affizieren insbesondere die Atemwege. In dem lang
andauernden Krankheitsverlauf ist die pathologische Verbindung
zwischen den Dosas und den betroffenen Strukturen besonders stark
geworden. Durch das Pañcakarma-Therapieverfahren wird zunächst die
pathologische Verbindung der Dosa mit dem affizierten Gewebe gelöst
und die verstärkten Dosa-s werden ausgeglichen.
Auf der Grundlage des Pañcakarma-Konzepts wird ein kurzzeitiges
(11 Tage dauerndes) Heilverfahren durchgeführt, das im einzelnen
folgende Elemente enthält:
I. „Mobilisierende Maßnahmen“ (Purvakarma):
Snehana („Therapie mit Ölen und Fetten“), hierzu gehören die
Einnahme eines speziell aufbereiteten Butterfetts ebenso wie
äußerliche Anwendungen mit speziellen Ölen und Fetten. Die
äußerlichen Ölanwendungen werden über den ganzen Aufenthalt
durchgeführt.
Svedana („Schwitztherapie“) in diesem Falle handelte es sich
dabei um eine Dampfsauna mit spezifischen Kräutern.
II. „Hauptmaßnahmen“ (Pradhanakarma):
Vamana, emetische Ausleitungstherapie („therapeutisches
Erbrechen“)
Virecana, Abführtherapie
Bastikarma, speziell zusammengestellte Darmeinläufe
Nasya, nasale Instillation spezifischer Kräuteröle.
Das gesamte Therapieverfahren wird in kurzer Zeit sehr gedrängt
durchgeführt.
Über den ganzen Zeitraum wird die Ernährung speziell nach
ayurvedischen Gesichtspunkten- unter Berücksichtigung der Therapie
- zusammengestellt.
Verlauf und Ergebnisse:
Bereits zu Beginn des stationären Therapieverfahrens können die
inhalativen Medikamente abgesetzt werden. Am Ende des stationären
Aufenthaltes sind nicht nur die bronchitischen Beschwerden sondern
auch die durch die Prostatavergrößerung verursachten Beschwerden
beim Wasserlassen gebessert. Auch bei diesem Patienten erfolgt
ausführliche diätetische Beratung für die Zeit nach der
Ayurveda-Kur.
Etwa sechs Wochen nach Ende des ayurvedischen Therapieverfahrens
besucht der Patient den Lungefacharzt, der ihn seit fünf Jahren
betreut. Der Patient ist völlig beschwerdefrei ohne jedes
lungenwirksame Medikament. Der Lungefacharzt stellt in der
Lungenfunktionsuntersuchung einen altersentsprechenden Normalbefund
fest.