Was heißt Ayurveda?
Die Bezeichnung Ayurveda kommt aus dem Altindischen. Sie setzt sich aus zwei
Worten zusammen: Ayur bedeutet „Leben“ und Veda heißt „Wissenschaft“; Ayurveda
ist also die „Wissenschaft vom Leben“. Nach einer alten Definition ist der Zweck
dieser Wissenschaft, „die Gesundheit des Gesunden zu erhalten und den Kranken zu
behandeln“. Ayurveda ist also mehr als eine Heilkunde, es ist eine umfassende
Gesundheitslehre. Über viele Jahrhunderte sind hier Erfahrungen ganzer
Ärztegenerationen zusammengetragen worden. In der gegenwärtigen Zeit gilt es,
diese Gesundheitslehre für den heutigen Menschen nutzbar zu machen.
Woher kommt Ayurveda?
Der Ayurveda entstand in alter Zeit auf dem indischen Subkontinent. Unter der
Bezeichnung „Große Dreiheit“ werden die ältesten drei ayurvedischen Lehrbücher
zusammengefasst, die heute noch zugänglich sind: die Caraka-Samhita („Sammlung
des Caraka“) ist ein internistisch orientiertes Werk, im Gegensatz zu der
Susruta-Samhita („Sammlung des Susruta“) einem Lehrbuch der Chirurgen unter den
ayurvedischen Ärzten. Großes Ansehen genießt Vagbhata, der dritte Autor unter
den „Großen Drei“. In seinem sehr praxisnahen Werk Astangahrdaya-Samhita
(„Sammlung der Essenz der achtteiligen Wissenschaft“) fasst Vagbhata die Lehren
seiner Vorgänger systematisch zusammen. Dieses Werk wurde bald nach seiner
Entstehung ins Tibetische übersetzt und bildet einen Grundpfeiler der
Tibetischen Heilkunde. Diese drei Lehrbücher, in ihrer jetzigen Form wohl aus
den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt stammend, bilden bis heute eine
lebendige Grundlage der ayurvedischen Lehre und Praxis. In den Jahrhunderten
nach der „Großen Dreiheit“ bis in die Gegenwart wurde eine Vielzahl
ayurvedischer Werke verfasst. Auch darin kommt zum Ausdruck, dass der Ayurveda
eine bis heute lebendige Wissenschaft ist.
Was versteht man unter Dosas?
Der Ayurveda, als hochentwickelte Gesundheitslehre, hat eigene
Auffassungen über Bau und Funktion des menschlichen Körpers. Vereinfacht kann
man sagen, dass nach ayurvedischer Lehre der menschliche Körper aus
strukturellen Elementen (hierzu gehören Haus, Knochen, verschiedene Gewebearten,
feine Kanalsysteme usw.) und aus energetischen Komponenten besteht. Unter den
Energien, die im Körper wirken, sind die sogenannten Dosa die wichtigsten. Man
unterscheidet drei Dosa:
1. Vata bewirkt im Körper Atmen, Sprechen und Singen, treibt Harn und Stuhl
hinaus und verteilt Nährstoffe im Körper. Auf psychischer Ebene ist Vata
verantwortlich für Beweglichkeit oder Unstetigkeit in Gedanken. Es wird
charakterisiert als trocken, kalt, leicht, fein und beweglich.
2. Pitta bewirkt Verdauung und Rotfärbung des Blutes, Sehkraft und den Glanz
der Haut. Pitta gibt auch Einsicht und Entschlossenheit, Charakteristische
Qualitäten sind fettig, heiß, scharf und flüssig.
3. Kapha befeuchtet die Speisen, bewirkt Festigkeit der Glieder, vermittelt
den Geschmack und macht die Gelenke geschmeidig. Mit den Qualitäten schwer,
kalt, mild, ölig, süß, fest und schleimig wird Kapha charakterisiert.
Diese drei Energien sind bei jedem Menschen vorhanden, jedoch in
unterschiedlichen Anteilen.
Was versteht man unter „ayurvedischer Konstitution „ (Prakrti)?
In der Schulmedizin gibt es meist einen Normalwert für alle Menschen. Der
Ayurveda geht davon aus, dass die Menschen unterschiedlich sind. Zum Zeitpunkt
der Zeugung wird die individuelle Konstitution bezogen auf die drei Dosa
festgelegt. Auf der Grundlage der drei Dosa kann man also verschiedene
„Konstitutionstypen“ unterscheiden. Der eine nimmt leicht Gewicht ab, leidet
unter trockener kalter Haut und ist eher nervös und aufgeregt. Einem solchen
„Vata-Typen“ würde man andere Empfehlungen geben als etwa dem schwerfälligen,
gutmütigen und zu Übergewicht neigenden „Kapha-Typ“. In den meisten Fällen liegt
jedoch eine gemischte Konstitution vor, in der zwei Dosa in unterschiedlichem
Anteil vorherrschen. Der erste Schritt in der ayurvedischen Diagnose ist die
Erkennung der Konstitution, denn diese ist so etwas wie der „individuelle
Normwert“ eines Menschen, daran orientiert man sich, was für diesen einzelnen
Menschen „gesund“ heißt.
Wie entsteht Krankheit nach ayurvedischer Vorstellung?
Aus verschiedenen Gründen kann es zu einem Ungleichgewicht in den drei Dosa
kommen. Verstärkt sich diese Imbalance und gehen gar Körperstrukturen mit den
Energien, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, eine „krankhafte Verbindung“
ein, kommt es zu manifester Krankheit.
Wie behandelt der Ayurvda?
Im Ayurveda gibt es verschiedene Therapieansätze. Man unterscheidet
sogenannte „besänftigende! (shamana) Therapien, „reinigende“ (shodhana)
Verfahren und „aufbauende“ (brumha) Maßnahmen. Neben einer hochentwickelten
Pflanzenheilkunde spielen reinigende Verfahren eine große Rolle. Hierzu gehört
auch das Pàncakarma-verfahren, eine Zusammenstellung von äußerlich und innerlich
reinigenden Maßnahmen (wie Ölmassagen, Schwitzkuren, Abführen, Erbrechen,
Therapien über die Darmschleimhaut, Inhalationsverfahren u.ä.) von
außerordentlicher Wirksamkeit.
Welche Bedeutung hat Ernährung im Ayurveda?
Ernährung, Schlaf und Sexualität sind nach ayurvedischer Lehre die drei
Säulen des Lebens. Als Grundlage für eine optimale Nahrungszusammensetzung dient
im Ayurveda der Geschmackssinn. Man unterscheidet in der ayurvedischen Tradition
sechs Geschmacksrichtungen: süß, sauer, salzig, scharf, bitter und herb (oder
„zusammenziehend“). Über den Geschmackssinn erschließen wir uns die Qualitäten
der Nahrung und können individuell die passende Ernährung ermitteln. Eine
vollständige Mahlzeit sollte nach ayurvedischer Vorstellung alle diese sechs
Geschmacksrichtungen enthalten.
Die Lehre von den „fünf Elementen“
(Pancamahàbhùta)
Als wissenschaftliche Grundlage der ayurvedischen Therapie
Ananda S. Chopra
Die Lehre von den „fünf großen Elementen“ (Pancamahàbhùta) bildet die
naturphilosophische Grundlage des Ayurveda. Der menschliche Organismus ebenso
wie die umgebende Welt ist aus Atomen der Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und
Äther aufgebaut. Die Zusammensetzung der Dinge in Bezug auf die fünf Elemente
wird durch eine Analyse von Qualitäten (Guna) ermittelt. Diese Lehren bilden das
Fundament für physiologische und therapeutische Vorstellungen im Ayurveda. Es
wird ein Überblick über die Lehre von den „fünf großen Elementen“ gegeben, so
wie im zeitgenössischen Ayurveda gelehrt.
Jede Heilkunde entwickelt sich in einem besonderen kulturellen Umfeld. Zur
Erklärung und systematischen Einordnung medizinischer Phänomene adaptieren Ärzte
meist wissenschaftliche Anschauungen aus diesem Umfeld. Beispielsweise ist die
sogenannte „Schulmedizin“ einem mechanischen Weltbild verpflichtet, welches sich
aus Geistesströmungen des 19. Jahrhunderts ableitet. Spezifisch für die Medizin
ist die eigene Ausgestaltung dieses Weltbildes für diagnostische, therapeutische
und theoretische Zwecke. Der Ayurveda findet seine systematische Grundlage in
naturphilosophischen Strömungen, wie sie im alten Indien auftraten und in der
klassischen Vaisesika-Philosophie ihre systematische Ausformung erfahren.
Ayurvedische Autoren, angefangen mit den Autoren der Caraka-Samhità, erarbeiten
jedoch ihre eigene Auffassung der naturphilosophischen Konzepte insbesondere in
Bezug auf Physiologie und Therapie.
Die Lehre von den „fünf großen Elementen“ (Sanskrit: Pancamahàbhùta) bildet
so etwas wie die „naturphilosophische Grundlage“ des Ayurveda. Aus diesen fünf
großen Elementen und ihren Modifikationen besteht die ganze sinnlich
wahrnehmbare Welt ebenso wie der menschliche Organismus. Hier kommen zwei
wichtige grundsätzliche Anschauungen des Ayurveda zum Ausdruck: Zum einen wird
davon ausgegangen, dass alles sinnlich Wahrnehmbare oder – um es einzuengen –
alles therapeutisch anwendbare sich auf dieselben „physikalischen“ Bestandteile
zurückführen lässt, nämlich die fünf großen Elemente. Der zweite Grundsatz
besagt, dass der menschliche Organismus Teil der physischen Welt ist und
insoweit ebenfalls aus den fünf großen Elementen zusammengesetzt ist. Im Falle
des Menschen kommt als „sechstes Element“ das Bewusstsein (Cetanà) hinzu. Auf
der Basis dieser beiden Grundsätze werden pathophysiologische und therapeutische
Wechselwirkungen zwischen Mensch und Welt erklärt.
Im Folgenden stellen wir die Lehre von den fünf großen Elementen so dar, wie
sie heutzutage – auf der Grundlage alter Konzepte – in ayurvedischer Lehre und
Praxis angewendet wird.
Alle Substanzen, alles was wir über unsere Sinnesorgane wahrnehmen, ist aus
fünf unterschiedlichen Elementen zusammengesetzt:
1. Element Erde (Prthvi)
2. Element Wasser (Ap)
3. Element Feuer (Tejas)
4. Element Luft (Vàyu)
5. Element Raum/Äther (Akàsa)
Den fünf großen Elementen werden bestimmte Sinneswahrnehmungen (die
sogenannten „spezifischen Eigenschaften“ vaisesika guna) zugeordnet: dem Element
Erde wird der Geruch als Sinneswahrnehmung zugeordnet, dem Element Wasser der
Geschmack, dem Element Feuer das Sehen, dem Element Luft die Tastempfindung und
dem Element Äther das Hören. Das jeweilige Sinnesorgan ist vorwiegend aus dem
entsprechenden Element aufgebaut. Die Elemente sind aber auch „Träger“ der
Sinneseindrücke, so kann Geschmack nicht wahrgenommen werden, wenn in der
Substanz, die probiert wird, nicht auch Wasserelement enthalten ist usw. In
diesem Zusammenhang geht man außerdem davon aus, dass das jeweils „grobere“
Element die Sinnesqualität des feineren Elementes mit einschließt. Ätherelement
hat nur Schall als Sinnesqualität, Luftelement vor allem Berührung aber auch
Schall, dem Feuerelement wird Schall, Berührung und insbesondere Sehen
zugeordnet, und so geht es weiter, bis zum Erdelement, dem zwar vor allem Geruch
zugeordnet wird, das aber nach dieser Anschauung auch die anderen
Sinnesqualitäten mit einschließt.
Aus Atomen (Paramanu, wörtlich „das Allerkleinste“) der fünf großen Elemente
besteht nun alles Wahrnehmbare. Nach ayurvedischer Vorstellung lagern sich zwei
Atome zu einem Doppelatom (Dvyana) zusammen, drei Doppelatome ergeben zusammen
ein Triplet (Trasarenu) von Doppelatomen. Ein solches Triplet wird zum Beispiel
als Staubkorn im Sonnenstrahl sichtbar.
Wie wird nun die Zusammensetzung einer Substanz in Bezug auf die fünf großen
Elemente festgestellt? Es wird klar sein, dass dies im Ayurveda nicht durch ein
Elektronenmikroskop oder in chemischer Laboranalyse ermittelt wird. Im Ayurveda
arbeitet man mit Eigenschaften oder Qualitäten (sogenannte Sàmànya Guna).
Zwanzig solcher Eigenschaften werden in zehn Gegensatzpaaren angeordnet:
1. Schwer
(guru)
2. Leicht (laghu)
3. Kalt
(sita)
4. Heiß (usna)
5. Ölig
(snigha)
6. Trocken (rùksa)
7. Sanft
(manda)
8. Spitz (tiksna)
9. Fest
(sthira)
10. Flüssig (sara)
11. Weich
(mridu)
12. Hart (kathina)
13. Klar
(visada)
14. Schleimig (picchila)
15. Zart
(slaksna)
16. Rauh (khara)
17. Fein
(sùksma)
18. Grob (sthùla)
19. Zähflüssig (sàndra)
20.
Dünnflüssig (drava)
Bei der Arbeit mit diesen Eigenschaften sind einige grundsätzliche
Überlegungen zu beachten. Der Bedeutungsgehalt der Eigenschaften ist sehr weit
gefasst: So ist „scher“ und „leicht“ nicht nur auf das messbare Gewicht gezogen,
sondern auch auf Wirkungen von Substanzen dieser Eigenschaft auf den
menschlichen Organismus: Schwere heißt auch schwer verdaulich (was lange Zeit
braucht, um verdaut zu werden) oder was im Organismus Schwere und Trägheit
erzeugt. Die jeweils gegensätzlichen Eigenschaften befinden sich an Endpunkten
eines Kontinuums, beispielsweise sind Schwere und Leichtigkeit relativ
definiert. Das Denken in diesen zwanzig Qualitäten ist auch eine Voraussetzung
für ayurvedische Diagnose und Therapie, wie im Folgenden noch angedeutet wird.
Diese zwanzig Eigenschaften sind Substanzeigenschaften, das heißt eine Substanz
kann „leicht“ oder „schwer“ sein, die Eigenschaften existieren jedoch niemals
unabhängig von Substanzen. Wenn also den Eigenschaften Wirkungen zugeschrieben
werden (z.B. heißt es gelegentlich, die Eigenschaft „schwer“ reduzierte Vàta) so
ist dies nur eine verkürzte Formulierung dafür, dass Substanzen mit der
Eigenschaft „schwer“ diese Wirkung haben. Die Wahrnehmung der Qualitäten lässt
uns auf die zugrunde liegende Zusammensetzung in Bezug auf die fünf „großen
Elemente“ schließen, denn auch den Elementen werden Qualitäten zugeordnet
(einige davon siehe in Tabelle 1).
Tabelle 1
Element
Eigenschaften
1.
Erdelement
Schwer, rauh, hart, sanft, fest, grob u.a.
2.
Wasserelement
Ölig, dünnflüssig, flüssig, kalt u.a.
3.
Feuerelement
Spitz, heiß, fein, leicht u.a.
4.
Luftelement
Trocken, leicht, rauh, klar, fein u.a.
5.
Ätherelement
Leicht, fein, „durchdringend“ u.a.
Es gilt, dass grundsätzlich alles sinnlich wahrnehmbare aus allen fünf
Elementen besteht, aber einzelne Elemente vorherrschen können. Leitungswasser
etwa mag vor allem aus dem Element Wasser bestehen, es enthält aber auch die
anderen vier Elemente, wenn auch zu geringeren Anteilen. Die Tatsache, dass eine
längere Wasserexposition zur Austrocknung der Haut führt, wird nach dieser
Anschauung damit erklärt, dass im Wasser auch Luftelement (dies ist ja
charakterisiert durch die Eigenschaft „trocken“) und die übrigen Elemente
vorhanden sind. Im diätetischen und therapeutischen Umgang mit diesen
Eigenschaften gilt das Prinzip, dass mit entgegen gesetzten Eigenschaften
behandelt wird; ein Patient, der über trockene und kalte Haut klagt, würde also
mit warmen Öl behandelt werden.
Die fünf Elemente im menschlichen Organismus
Der menschliche Körper ist, nach Caraka, der „aus der Kombination der
Erweiterungen der fünf Elemente bestehende Sitz des Bewusstseins“ Die Anteile
der fünf Elemente am menschlichen Körper werden folgendermaßen beschrieben:
Element
Manifestation im Körper
Akàsa
(Äther)
Gehör, alle Körperöffnungen und –räume, Feinheit,
Zwischenräume, Kanäle
Vàyu
(Luft)
Tastsinn, Trockenheit, „Antrieb“, Aktivität, Bewegung, Leichtigkeit
Tejas
(Feuer)
Auge, Gesichtssinn, (Haut-) Farbe, Wärme, Glanz,
„Umwandlungsenergie“, Zorn, Mut, Schärfe
Ap
(Wasser)
Geschmackssinn, Kühle, Weichheit, Geschmeidigkeit,
Körperflüssigkeiten, Schwere, Sperma
Prthvi
(Erde)
Geruch, Geruchssinn, Schwere, Festigkeit der Glieder
In der ayurvedischen Physiologie unterscheidet man im menschlichen Organismus
– einfach ausgedrückt – „strukturelle Anteile“, sogenannte Dùsya (das heißt „zu
affizierende“, denn diese können von Energien, die aus dem Gleichgewicht geraten
sind, affiziert werden) von „funktionellen Anteilen“, die unter dem Oberbegriff
Dosa (das heißt „Verderber“, denn diese können – wenn sie aus dem Gleichgewicht
geraten – die Körperstrukturen „verderben“) subsumiert werden. Zu der ersten
Gruppe gehören die sieben Gewebearten (Dhàtu) ebenso wie Ausscheidungsprodukte
(Mala) u.a. Alle diese Anteile des Organismus bestehen aus den fünf Elementen.
Die Art und Weise, wie Dalhana (ca. 1200 n. Chr.) der berühmte Kommentator der
Susruta-Samhità (Kommentar zu Sùstrasthàna 14.9) begründet, dass das Blut
aus allen fünf Elementen besteht, mag hier als Beispiel für wissenschaftliche
Argumentation im Ayurveda dienen: der Geruch des Blutes ist eine Eigenschaft des
Elementes Erde, die Flüssigkeit eine Eigenschaft des Wassers, die rote Farbe
eine Eigenschaft des Feuerelementes, die Beweglichkeit oder das Pulsieren
(spandanam kimcic calanam) eine Qualität des Luftelementes und Leichtigkeit
schließlich weist auf das Element Äther hin. Trotzdem herrschen in den
jeweiligen Gewebearten und Ausscheidungsprodukten (Mala) einzelne Elemente vor,
wie in Tabelle 2 und 3 gezeigt:
Tabelle 2
Gewebe
(Dhatu)
Vorherrschendes Element
1. „Plasma“
(Rasa)
Wasser
2. Blut
(Rakta) Feuer
3. Muskel
(Màmsa) Erde
4. Fettgewebe
(Medas)
Erde und Wasser
5. Knochengewebe
(Asthi)
Erde, Luft und Feuer
6. Knochenmark
(Majjà) Wasser
7. Fortpflanzungsgewebe
(Sukra)
Wasser
Tabelle 3
Ausscheidungsprodukt
(Mala)
Vorherrschenden Element
Stuhl
(Purisa)
Erde
Urin
(Mùtra)
Feuer und Wasser
Schweiß
(Sveda)
Wasser
Unter den „funktionellen Bestandteilen“ des Organismus sind die sogenannten
„drei Dosas“ am bedeutendsten für Diagnose und Therapie. Die drei Dosas (siehe
auch den Artikel „Die drei Dosas“) bestehen ebenfalls aus den fünf Elementen: Im
Vàta manifestieren sich Äther und Luftelement, Im Pitta vor allem Feuerelement
und in geringem Maße auch Wasserelement (denn es besitzt nach Caraka-Samhità,
Sùstrasthàna 1.60 auch die Eigenschaften dünnflüssig, flüssig und wenig ölig,
alles Qualitäten des Elementes Wasser) und im Kapha erkennt man Wasser- und
Erdelement.
Die fünf Elemente in der Außenwelt
Die ganze sinnlich wahrnehmbare Welt besteht aus Anteilen der fünf großen
Elemente ebenso wie der menschliche Organismus. Diese „physikalische
Gleichartigkeit“ von Mensch und Welt ist Grundlage der Wechselbeziehung zwischen
Organismus und Umwelt. Alles was wir über unsere Sinnesorgane wahrnehmen,
beeinflusst uns, da es, genau wie unser Organismus, aus den fünf Elementen
besteht. Zwei – sehr allgemeine – Beispiele sollen die praktische Anwendung
dieser Grundsätze veranschaulichen.
Ein Beispiel ist die Ernährungslehre des Ayurveda (siehe auch den Beitrag
„Ernährung im Ayurveda“). Nach ayurvedischer Anschauung werden Nahrungsmittel
nach Geschmacksrichtungen eingeteilt. Man unterscheidet sechs
Geschmacksrichtungen, die wiederum über die „Elementenzusammensetzung“ des
jeweiligen Nahrungsmittels Aufschluss geben:
Geschmacksrichtung und Elementenzusammensetzung
Geschmacksrichtung
(Rasa)
Elemente
1. Madhura
(„süß“)
?
(Erde und Wasser)
2. Amla
(„sauer“)
?
(Erde und Feuer)
3. Lavana
(„salzig“)
?
(Wasser und Feuer)
4. Katu
(„scharf“)
?
(Luft und Feuer)
5. Tikta
(„bitter“)
?
(Luft und Äther)
6. Kasàya („zusammenziehend“, „herb“)
?
(Luft und Erde)
Fragt man nach der Wechselwirkung zwischen Nahrung und Organismus, so ist
auch hier der Grundsatz von Gleichheit und Gegensätzlichkeit zu beachten. Ein
Nahrungsmittel, das „süß“ schmeckt, besteht vorwiegend aus Erd- und
Wasserelement. Durch Verzehr eines solchen Nahrungsmittels stärkt man die
Anteile des Organismus, die ebenfalls aus Erd- und Wasserelement bestehen, also
beispielsweise das Fettgewebe (s.o.) und die Bioenergie Kapha. Gleichzeitig
werden Anteile, die gegensätzliche Elemente, wie Luft- und Ätherelement
enthalten wie das Dosa Vàta geschwächt. Speisen bitterer Geschmacksrichtung
enthalten Ätherelement, welche durch keine andere Geschmacksrichtung zu
erschließen ist. Ätherelement ist auch in allen feinen Kanälen (Srotas)
enthalten. Wenn also die „feinen Kanäle“ des Körpers erreicht werden sollen,
muss bitter gespeist werden. Die meisten Arzneimittel sollen genau diese
Bedingung erfüllen, demnach ist es aus ayurvedischer Sicht nur verständlich,
dass Medizin „bitter“ schmeckt.
Behandlungen mit Ölen und Fetten spielen im Ayurveda eine große Rolle.
Betrachten wir die verwendeten Fette (egal ob pflanzlicher oder tierischer
Herkunft) ganz allgemein, so werden ihnen neun Eigenschaften zugeordnet,
nämlich:
1. snigdha
(ölig)
4. mridu
(weich)
7. sara (flüssig)
2. guru
(schwer)
5. drava
(dünnflüssig)
8. manda (sanft)
3. sìta
(kalt)
6. picchila
(schleimig)
9. sùksma (fein)
(In diesem Falle betrachten wir ganz allgemein ölige Substanzen im Gegensatz
zu allen anderen; diese Betrachtung soll nicht verschleiern, dass man im
Ayurveda durchaus Unterschiede zwischen den einzelnen Fetten und Ölen macht, so
ist beispielsweise Kokosöl ein eher „kühlendes“ Öl, während Sesamöl eher
„wärmend“ wirkt.) Die aufgeführten Eigenschaften lassen erschließen, dass in
öligen Substanzen vorwiegend Wasserelement (Eigenschaften „ölig“, „kalt“,
„weich“, „schleimig“, „flüssig“) und Erdelement (Eigenschaften „schwer“ und
„sanft“) enthalten sind. Nach den bisherigen Ausführungen wird klar sein, dass
Öle und Fette per se vor allem „Vàta-senkend“ wirken. Bedenkt man nun, dass die
Bioenergie Vàta, als „bewegliches“ und „bewegendes“ Prinzip eine Art prima causa
für Erkrankungen darstellt, kann man – wieder ganz allgemein gesprochen – leicht
erklären, warum Öl- und Fettbehandlungen im Ayurveda so bedeutend sind. Sie
regulieren Vàta und dämpfen damit jene Faktoren, die „aus dem Gleichgewicht
bringen“.
Diese wenigen Anwendungsbeispiele zeigen bereits, dass die Lehre von den
„fünf großen Elementen“ im Ayurveda von eminent praktischer Bedeutung ist. Sie
ist hier nicht Thema philosophischer Spekulationen, sondern bildet eine
systematische Grundlage des wissenschaftlichen Weltbildes im Ayurveda.
Literatur:
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Notes, Introduction, Index etc. by Brahma Sankara Misra, 5th edition, 2 Vols.,
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CHARAKASAMHITA BY AGNIVESA, revised by CHARAKA and DRIDHABALA with the
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Trikamji, Achàrya. 3rd edition, Bombay 1941
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Desài, Ranajitaraya, Ayurvediya Padàrthavijnàna, 3. Auflage, Nàgapura
1974
Frauwallner, Erich; Geschichte der indischen Philosophie, 2 Bände I. Band:
Die Philosophie des Veda und des Epos, der Buddha und der Jina, das Samkhya und
das klassische Yoga-System, Salzburg 1953, II. Band: Die naturphilosophischen
Schulen und das Vaisesika-System, das System der Jaina, der Materialismus,
Salzburg 1956 (Reihe Wort und Antwort Band 6/I und II)
Jàdavaji Trikamaji Dravyaguna – Vijnàna 2 Bände, Nachdruck Delhi 1975
SUSHRUTASAMHITA of Sushruta with the Nibandhasangraha Commentary of Shri
Dalhanàchàrya, edited by Jàdavji Trikumji Achàrya, Reprint, Varanasi 1994 (The
Chaukhamba Ayurvijnan Granthamala 42)
Sharma, P. (riyal) V. (rat) Introduction to Dravyaguna (Indian Pharmacology),
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Strauss, Otto; Indische Philosophie, München 1924 (Geschichte der Philosophie
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1973