Ananda S. Chopra
Pancakarma - eine Therapieform, die im Ayurveda von großer Bedeutung ist
Bei richtiger Indikationsstellung stellt Pancakarma eine effiziente
Behandlungsmethode für Gesunde (zur Regeneration und Krankheitsvorbeugung) und
Kranke dar
Pancakarma, Therapieverfahren, Vorbehandlung, Purvakarma, Hauptbehandlung,
Pradhanakarma, Vamana, therapeutisches Erbrechen, Virecana, Abführen, Basti,
Darmeinlauf,
Zusammenfassung:
Pancakarma (wörtlich: „Fünf Handlungen“ oder „Fünf Behandlungen“) bezeichnet
eine Therapieform, die seit ältester Zeit im Ayurveda von großer Bedeutung ist.
Im Verlaufe eines Pancakarma-Therapieverfahrens unterscheidet man drei Phasen:
I. „Vorbehandlung“ (Pùrvakarma) mit spezifischen Öl- und Wärmeanwendungen etc.,
die krankhafte Strukturveränderungen lösen und den Organismus auf die
ausleitenden Hauptbehandlungen vorbereiten sollen. II: „Hauptbehandlung“
(Pradhànakarma), diese umfasst fünf besonders effiziente Therapiemethoden und
hat dem Pancakarma seinen Namen gegeben: 1. Vamana (Therapeutisches Erbrechen)
2. Virecana (Abführen) 3. Basti (Darmeinläufe) 4. Nasya (Nasale Installation) 5.
Raktamoksana (Aderlass). III. „Nachbehandlung“ (Pascàtkarma): hierzu gehört ein
schonender Kostaufbau ebenso wie – je nach Indikation – spezifische Therapien.
Ein Pancakarma-Therapieverfahren muss individuell nach Konstitution, Erkrankung
und Kräftezustand des Patienten geplant und durchgeführt werden, dabei wählt der
Arzt die notwendigen Behandlungen aus der Palette der Pancakarma-Therapien aus.
Bei richtiger Indikationsstellung stellt Pancakarma eine effiziente
Behandlungsmethode für Gesunde (zur Regeneration und Krankheitsvorbeugung) und
Kranke dar. Der Begriff Pancakarma hat dabei so großes Prestige gewonnen, dass
man auch andere Behandlungsmethoden unter der Bezeichnung Pancakarma (z.B.
Keraliya Pancakarma umfasst spezifische äußerliche Anwendungen, die in Kerela –
im Südwesten Indiens – zu einer besonders wirksamen Therapie ausgestaltet
wurden) zusammenfasste. Gerade in der westlichen Welt, wo heutzutage in relativ
kurzen Zeiträumen (14-21 Tage) wirkungsvoll therapiert werden muss, bewährt sich
diese Therapieform. Die klinische Erforschung des Pancakarma in Deutschland
steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Im vorliegenden Beitrag werden
Grundlagen und Praxis des Pancakarma, wie in Deutschland praktiziert,
vorgestellt und an zwei einzelnen Fallbeispielen illustriert.
Grundlagen
Der Pancakarma kennt viele unterschiedliche Therapieformen. Seit ältester
Zeit nimmt das sogenannte Pancakarma eine Sonderstellung ein. Dieses
Therapieregime wird in den ältesten – noch existierenden – ayurvedischen
Lehrwerken beschrieben und hat über viele Jahrhunderte eine starke Verfeinerung
erfahren. Pancakarma heißt übersetzt „fünf Handlungen“ oder „fünf Behandlungen“.
Mit diesem Begriff werden fünf besonders effiziente Behandlungsmethoden
zusammengefasst. Gemäß dem Ziel des Ayurveda, „die Gesundheit des Gesunden zu
schützen und die Krankheit des Kranken zu behandeln“, kann Pancakarma sowohl in
der Krankenbehandlung als auch zur Gesundheitsfürsorge eingesetzt werden. Die
„internistische Schule“ unter den ayurvedischen Ärzten, die auf der
Caraka-Samhita fußt, zählt zu den „fünf Behandlungen“:
1. Vamana (Therapeutisches Erbrechen)
2. Virecana (Abführen)
3. Asthàpana Basti (Wässrige Darmeinläufe)
4. Anuvàsana Basti (Ölige Darmeinläufe)
5. Nasya (Installation besonderer Kräuteröle in die Nase)
Im Laufe der Zeit hat sich jedoch die Auffassung der mehr „chirurgisch“
orientierten Schule ayurvedischer Ärzte durchgesetzt, die in der Tradition der
Susruta-Samhità (nach dem Kommentator Dalhana folgende Behandlungsmethoden zum
Pancakarma zählen:
1. Vamana (Therapeutisches Erbrechen)
2. Virecana (Abführen)
3. Basti (Darmeinläufe)
4. Nasya (Installation besonderer Kräuteröle in die Nase)
5. Raktamoksana (Aderlass).
Das Pancakarma weist für den Patienten körperlich beanspruchende Therapien
auf. Einer Analogie der Caraka-Samhità folgend muss der Patient mit äußerlichen
wie innerlichen Ölanwendungen (Snehana) und Wärmebehandlungen (Svedana) auf die
fünf Hauptbehandlungen des Pancakarma vorbereitet werden. Man kann also im
Verlauf eines Pancakarma-Verfahrens drei Phasen unterscheiden:
I.
Pùrvakarma („Vorbehandlungen“)
II.
Pradhànakarma (die fünf „Hauptbehandlungen“)
III.
Pascàtkarma („Nachbehandlung“)
An dieser Stelle muss kurz auf pathogenetische Anschauungen im Ayurveda
eingegangen werden. Krankheiten beginnen, nach ayurvedischer Vorstellung, mit
einem Ungleichgewicht auf der Ebene der „Körperenergien“ (Dosa); der Mensch
entfernt sich von seiner individuellen Konstitution und es kommt zunächst zu
einem vegetativen Ungleichgewicht. Schreitet der Krankheitsprozess fort, kommt
es zu einer krankhaften Verbindung von – aus dem Gleichgewicht geratenen –
Körperenergien mit Körperstrukturen (genannt dosa-dùsya-sammùrcchana). In der
Therapie gilt es, diese krankhafte Verbindung von Energie und Struktur zu lösen
und die aus dem Gleichgewicht geratenen Energien einer ausleitenden Behandlung
zugänglich zu machen. Die Anwendungen der „Vorbereitenden Phase“ (Pùrvakarma)
des Pancakarma erfüllen diese Funktion. Im engeren Sinne zählt man zu den
Pùrvakarma („Vorbereitenden Behandlungen“):
· Pàcana: durch entsprechende
Ernährung und ggf. Nahrungsergänzung werden vorhandene „Körperschlacken“ (sog.
Ama, wörtlich „Unverdautes“ gelöst und der Bildung neuer wird vorgebeugt.
· Snehana (wörtlich:
„Einfetten/Einölen“): hiermit bezeichnet man verschiedene Anwendungen mit Fetten
und Ölen. Man unterscheidet zwei Aspekte: 1. Abhyantara Snehana („Innerliches
Fetten): der Patient erhält drei bis sieben Tage lang anstelle des Frühstücks
etwas Ghee („geklärtes Butterfett“) oder ein anderes Fett in steigender
Dosierung. Dosis und Zusammensetzung (so kann dem Ghee beispielsweise Steinsalz
zugesetzt werden) müssen vom Arzt – nach Konstitution und Erkrankung –
individuell festgesetzt werden. In dieser Zeit ist die Kost besonders schonend.
2. Bàhya Snehana (Äußerliches Fetten“): Dies umfasst den großen Bereich der
äußerlichen Ölanwendungen im Ayurveda. Nicht allein die Art der Behandlung (ob
etwa Fußmassage, Stirnölguss, Ganzkörpersynchronmassage o.ä.) auch das
verwendete Öl und dessen Präparation mit spezifischen Kräutern sind hier von
großer Bedeutung. Dieser Teil der Pancakarma-Therapie hat sich über viele
Jahrhunderte zu einem eigenen Gebiet ayurvedischer Therapie entwickelt.
· Svedana („Schwitzen“): Nach
klassischer Lehrmeinung werden im Verlauf der Ölanwendungen von außen und innen
krankmachende Faktoren im Fett „gelöst“. Mit den nachfolgenden Wärmeanwendungen
sollen diese dann, bildlich gesprochen, „verflüssigt“ werden, damit anschließend
die Ausleitung erfolgen kann. Das sog. Baspa Sveda, im Klinikalltag oft einfach
als „Svedana“ bezeichnet, ist ein Kräuterdampfbad des ganzen Körpers mit
Ausnahme des Kopfes. Dauer, Intensität und Kräuterzusammensetzung des Dampfbades
sind von Konstitution und Erkrankung abhängig. Neben dieser und anderer feuchten
Schwitzbehandlungen gibt es auch trockene Schwitzanwendungen für einzelne
Körperteile etc. Auf diese Weise umfasst Svedana ebenso wie die äußerlichen
Ölanwendungen (s.o.) heutzutage eine breite Palette differenzierter Anwendungen.
Soweit eine kurze Charakterisierung der Pùrvakarma („Vorbehandlung“), denen
die Behandlungen aus dem Bereich der Pradhànakarma („Hauptbehandlungen“) folgen.
Wir richten uns bei der Beschreibung dieser Behandlungen nach der heutzutage
anerkannten Lehrmeinung (wie beispielsweise in dem Standardwerk von H.S.
Kastùre: Ayurvediya Pancakarma-Vijnàna oder auch bei R. H. Singh u.a.), die in
der Abfolge dem System des Dalhana (s.o.) folgt. Auch die therapeutischen
Erfahrungen mit Pancakarma, wie wir sie seit vielen Jahren in der
Ayurveda-Sektion der Habichtswald-Klinik Ayurveda, Kassel sammeln durften, gehen
hier ein.
1. Vamana („Therapeutisches Erbrechen“): Diese Therapie ist – ayurvedisch
ausgedrückt - indiziert bei Kapha-Aggravation vor dem Hintergrund einer
Kapha-dominierten Konstitution, hat also eine vergleichsweise enge Indikation.
Als Beispiele seien genannt: Chronische schleimige Erkrankungen der Atemwege,
„Metabolisches Syndrom“ mit starkem Übergewicht (Medoroga, die Übersetzungen
ayurvedischer Krankheitsbezeichnungen nehme ich nur vorsichtig vor),
Ohrenerkrankungen u.a. Kontraindikation für Vamana sind eine Vàta-dominierte
Konstitution, starke Vàtastörungen, insbesondere, wenn sie mit Schwächung und
Kachexie einhergehen. Am Beispiel dieser Behandlung wird auch deutlich, dass im
Ayurveda neben der „Krankheitsdiagnose“ immer auch die Konstitution, auf deren
Boden ja die Krankheit entstanden ist, betrachtet werden muss. Treten
beispielsweise chronische, schleimige Erkrankungen der oberen Luftwege bei
Patienten mit Vàta- oder Pitta-dominierter Konstitution auf, so werden sie im
Rahmen des Pancakarma mit Abführen (Virecana) und nicht mittels therapeutischen
Erbrechens behandelt. Durchführung: Ein Patient, der die „Vorbehandlungen“
durchlaufen hat, trinkt zunächst zügig etwa zwei Liter lauwarme Milch (um
gleichsam das Kapha zu lösen) und anschließend ein Brechmittel (z.B. Salzwasser
aus einer Thermalsolquelle) bis das Erbrechen eintritt. Einfuhr- und
Ausfuhrmengen, die Anzahl der Brechvorgänge (Vega) sowie Pulsfrequenz und
Blutdruck werden während dieser Prozedur engmaschig kontrolliert. Das Vamana
muss unbedingt ärztlich begleitet werden, denn es stellt die
komplikationsträchtigste Maßnahme unter den Pancakarma-Behandlungen dar. Bei
richtiger Indikationsstellung ist es jedoch eine Therapie von außerordentlicher
Effektivität.
2. Virecana („Abführen“): Virecana bezeichnet Abführen durch perorale Gabe
eines Abführmittels. Virecana hat ein sehr weites Indikationsspektrum und nur
wenige Kontraindikationen wie etwa starke Schwäche, Exsikkose, akut auftretendes
Fieber u.a. Durchführung: Nach entsprechender Vorbehandlung erhält der Patient
morgens nüchtern ein pflanzliches Abführmittel, je nach Konstitution ölig
(Rizinusöl) oder trocken (eine besondere Kräutermischung). Im Anschluss soll
viel warme Flüssigkeit getrunken werden. Als Erfolgskontrolle dient die Anzahl
der Stuhlabgänge ebenso wie die Veränderung des Stuhls in Hinblick auf Farbe und
Konsistenz. Idealerweise sollte der Stuhl gegen Ende des Abführens flüssig, klar
und gallig (von grün-gelblicher Farbe) sein.
3. Basti: Im engeren Sinne bezeichnet Basti (oder Vasti) die Gabe besonderer
Substanzen in den Darm „mittels eines Behältnisses“. Diese Darmeinläufe sind
nicht nur abführend wirksam, sondern man kann mittels Darmeinläufen auch
spezifisch Erkrankungen behandeln oder sogar Roborierung und Gewichtszunahme
bewirken. Nach Zusammensetzung und Therapieziel unterscheidet man ganz allgemein
zwei Gruppen von Darmeinläufen:
a) Nirùha Basti, diese enthalten als Hauptbestandteil eine wässrige
Kräuterabkochung.
b) Anuvàsana Basti, die hauptsächlich eine ölige Substanz enthalten.
Je nach Zustand des Patienten kommen ganz unterschiedliche Rezepturen zum
Einsatz; viele Hunderte solcher Rezepturen finden sich in alten und neuen
ayurvedischen Handbüchern. Durchführung: Bastis werden fast niemals isoliert
gegeben; in der Regel gibt man mehrer Tage lang unterschiedliche Bastis. Ein
häufige Abfolge in unserer klinischen Praxis sieht folgendermaßen aus: am ersten
Tag ein öliger Basti, am zweiten Tag ein Basti mit Kräuterabkochung, am dritten
Tag wieder ein öliger Basti wie am ersten Tag und am vierten Tag ein nährender
Darmeinlauf. Die klassischen Basti-Protokolle umfassen 8 (Yoga-Basti), 16
(Kàla-Basti) oder 32 Darmeinläufe (Karma-Basti). Neben Zusammensetzung und
Abfolge spielt auch die Tageszeit, in welcher der Basti gegeben wird, eine
bedeutende Rolle für den Therapieverlauf.
4. Nasya („ausleitende Behandlung für den Kopfbereich“ auch Sirovirecana
genannt): Diese Therapieform gilt als besten Behandlungsmethode für Erkrankungen
des Kopf-Hals-Bereiches („oberhalb des Schlüsselbeines“, so
Astàngahrdayasamhita, Sùtrasthàna 20.1), hierzu zählen Augen-, Mund-,
Ohrenerkrankungen, Cephalgien unterschiedlicher Art bis hin zu
Nackenbeschwerden.
Durchführung: Im Nasya wird die Folge von vorbereitenden und hauptsächlichen
Behandlungen im kleinen wiederholt. Zunächst wird der Kopf des Patienten mit
einem besondern Öl massiert („lokale Ölbehandlung“), er inhaliert dann („lokale
Wärmeanwendung“) ehe das eigentliche Naya beginnt. Die Behandlung besteht darin,
dass spezielle Öle, denen Kräuter hinzu gesetzt werden, mittels einer Pipette in
die Nasengänge gegeben werden. Wie bei den Bastis werden auch beim Nasya, je
nach Indikation, unterschiedliche Öle verwendet, und man gibt Nayas gerne über
mehrere Tage in einer besonderen Abfolge.
5. Raktamoksana („Aderlass“): Dies ist eine Behandlungsmethode für
Erkrankungen, bei denen – nach ayurvedischer Lehre – das Blut „verunreinigt“
ist. Dazu zählen beispielsweise viele Hauterkrankungen. Im Ayurveda wird die
Applikation von Blutegeln, das Schröpfen und auch die Venenpunktion (Siràvyadha)
empfohlen.
Durchführung: In der klinischen Praxis in Deutschland hat sich die
Venenpunktion bewährt. Nach entsprechender Vorbereitung, auch mit
Ganzkörpersynchronmassage und Dampfbad am vorhergehenden Tag, wird mittels eines
Blutentnahmebestecks eine Vene punktiert und man lässt – ohne Stauung des
proximalen Venenverlaufs – zwischen 50 ml und 350 ml Blut ablaufen.
Die Aufzählung, wie sie hier gegeben wird, stellt auch eine Reihenfolge dar.
In der klinischen Praxis heißt das, dass der Arzt zunächst – je nach
Konstitution und Erkrankung – entscheiden muss, welche Behandlungen aus dem
Pancakarma überhaupt indiziert sind. Dann werden Reihenfolge und zeitliche
Abstände zwischen den einzelnen Behandlungen (z.B. soll zwischen dem Abführtag
und dem ersten Darmeinlauf mindestens ein zeitlicher Abstand von zwei Tagen
liegen) geplant; sind etwa Abführen, Darmeinläufe und ein Aderlass indiziert, so
werden sie auch in dieser Reihenfolge durchgeführt. Schon diese, kurzgefasste
Übersicht zeigt, dass Planung und Durchführung eines
Pancakarma-Therapieverfahrens eine Aufgabe entsprechend ausgebildeter Ärzte ist.
Vor Selbstbehandlungen oder Behandlung durch nicht entsprechend qualifizierte
Therapeuten sei hier gewarnt.
Je nach Indikation und Zustand des Patienten werden noch unterschiedliche
„Nachbehandlungen“ (Pascàtkarma) durchgeführt. Nachdem während einer
Pancakarma-Therapie über lange Zeit nur schonende Kost gereicht wird, ist die
erst Maßnahme bei den „Nachbehandlungen“ ein Kostaufbau (Samsarjana); in der
Praxis sieht das so aus, dass in dieser Phase wieder ein wenig Rohkost in Form
von Salaten gegessen werden kann und die Nahrung insgesamt stärker gewürzt ist,
als in der ersten Therapiephase. Die klinische Ayurveda-Kost ist jedoch immer
rein (lakto-vegetarisch).
Das Pancakarma kann mit unterschiedlicher therapeutischer Intention
durchgeführt werden. Dem Gesunden dient es zur Stoffwechselstimulation und damit
krankheitsvorbeugend. Bei anderen Zuständen, kann man das Pancakarma zum
Beispiel zur Einleitung einer spezifischen Dauertherapie einsetzen, das heißt,
es wird zunächst ein Pancakarma-Therapieverfahren durchgeführt und anschließend
beginnt eine krankheitsspezifische Therapie etwa mit Selbstmassage mittels
besonderer Öle oder phytotherapeutische Nahrungsergänzung. Aus ayurvedischer
Sicht geht man davon aus, dass die vorangegangene Ausleitung die Wirkung solcher
spezifischer Maßnahmen steigert oder gar erst ermöglicht. Es kann aber auch
indiziert sein, erst eine längere Vorbereitungsphase mit entsprechender
Nahrungsergänzung (im Sinne von Pàcana, s.o.) zu durchlaufen, um dann den
solchermaßen vorbereiteten Menschen einer effektiven ausleitenden Behandlung,
wie sie das Pancakarma darstellt, zu unterziehen. In der Klinik erfolgt in jedem
Falle am Ende des Pancakarma-Therapieverfahrens eine ausführliche, individuelle
diätetische Beratung.
Über viele Jahrhunderte hat die Pancakarma-Therapie ein großes Ansehen
erlangt, so dass der Begriff Pancakarma zum Synonym für effiziente Therapie
schlechthin wurde. So gibt es im Südwesten Indiens eine besondere Therapieform,
die als Keraliya Pancakarma (Pancakarma in Kerala) bezeichnet wird. Das Keraliya
Pancakarma, von weisen Ärzten dieser Region über lange zur Vollendung gebracht,
umfasst folgende fünf Anwendungen (siehe Devaràj, 1972):
1. Dhàrakarma (Stirngüsse mittels besonderer Öle oder Abkochungen)
2. Kàyaseka (Ölgüsse über den Körper)
3. Pindasveda („Reisbeutel-Schwitz-Behandlung“, spezielle
Kräuterreisabkochungen
werden in Leinenbeutel
eingewickelt, erwärmt und zur Massage des ganzen Körpers
eingesetzt)
4. Annalepa (Körperauflagen mittels Getreide)
5. Sirolepa (Auflagen von Tüchern, die in speziellen Kräutermischungen
getränkt werden, auf den Kopf)
Diese kurze Übersicht zeigt, dass Keraliya Pancakarma mit der klassischen
Pancakarma-Therapie wenig gemein hat. Die aufgeführten Behandlungen zählen nach
alter Auffassung zu den sogenannten „Vorbehandlungen“ (Pùrvakarma) und werden
als solche auch angewendet. Viele Forschungsergebnisse zeigen, dass dies sehr
wirkungsvolle Behandlungsmethoden sind.
Auch die klassische Pancakarma-Therapie – wie oben beschrieben – bewährt sich
in der Gegenwart. In vielen Publikationen ist die Wirksamkeit des Pancakarma für
Patienten und Erkrankungen unserer Tage demonstriert worden. Nach den
Erfahrungen an der Ayurveda-Sektion der Habichtswald-Klinik Ayurveda, Kassel,
(mit über 500 stationären Patienten jährlich) und anderen Ayurveda-Zentren ist
diese Behandlungsmethode auch in der westlichen Welt auf dem Vormarsch.
Insbesondere in einer Situation, in welcher der Patient effiziente Therapie über
kurze Zeiträume benötigt (in Kassel empfehlen wir einen zwei- bis dreiwöchigen
Klinikaufenthalt zur Durchführung eines Pancakarma-Verfahrens), bewährt sich
diese uralte Therapiemethode. Die klinische und theoretische Erforschung der
Pancakarma-Therapie in Deutschland steckt gegenwärtig noch in den Kinderschuhen,
doch hier wird in den nächsten Jahren sicherlich viel Neues zu erwarten
sein.
Zur Illustration der Erörterungen verweise ich auf die Fallbeispiele
„Schlafstörung“ und „Metabolisches Syndrom“.
LITERATUR
ASTANGAHRDAYA (A COMPENDIUM OF THE AYURVEDIC SYSTEM) composed by Vàgbhata
with the Commentaries ‘Sarvàngasundarà’ of Arunadatta and ‘Ayurvedarasàyana’ of
Hemàdri. Collated by Annà Moreswar Kunte und Krisna Ràmchandra Sàstri Navre,
edited by Bhisagàchàrya Harisàstri Paràdkar Vaidya with the help of old
manuscripts giving different readings, explanatory foot-notes, adding Hemadri’s
Commentary, Reprinted, Varanasi 1995 (Krishnadas Ayurveda Series 4)
CHARAKASAMHITA BY AGNIVESA, Revised by CHARAKA and DRIDHABALA with the
Ayurveda-Dipikà Commentary of Chakrapànidatta, edited by Vaidya Jàdavji Trikamji
Achàrya. 3rd edition, Bombay 1941
Devaràj, T.L., Keraliya Pancakarma-Chikitsà-Vijnànam, 1. Auflage, Varanasi
1972 (The Vidyabhawan Ayurveda Granthamala 10)
Kasture, Haridàsa Sridhara, Ayurvediya Pancakarma-Vijnàna, 4. Auflage,
Nagapura 1993
Sen, Koviraj Jaynarayan, Pancha Karma Samgraha An Ayurvedic Compendium &
Reference Book, Calcutta o.J. (Datum des Vorworts: 1989)
Singh, R. (am) H.(arsh), PANCA KARMA THERAPY /Ancient Classical Concepts,
Traditional Practices and Recent Advances), 1st edition, Varanasi 1992
(Chowkhamba Sanskrit Studies Vol. CIV)
Sudarsanan Nair, P.K., Sankarankutty, P. “Evaluation of the efficacy of
Classical Sodhana Therapy (Pancakarma) in the Mangement of Rheumatois Arthritis”
in: Journal of Research in AYURVEDA AND SIDDHA (New Delhi, Vol. XIV, No. 3-4:
Sept.-Dec. 1993, p. 115-124
SUSHRUTASAMHITA of Sushruta with the Nibandhasangraha Commentary of Shri
Dalhanàchàrya, edited by Jadavji Trikumji Achàrya, Reprint, Varanasi 1994 (The
Chaukhamba Ayurvijnam Granthamala 42)